Notizen aus der Gross-Rohrheimer Ortschronik von Richard Stay (1953/54)

 


Inhaltsangabe:  auf der letzten Seite.

 

Anmerkungen:  auf der letzten Seite.

 

Vorwort:             auf Seite 63

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

Für die Freunde der Groß-Rohrheimer Heimat-Geschichte bringen wir an dieser Stelle laufend interessante Beiträge mit urkundlichen Angaben über die mittelalterlichen Verhältnisse der Gemeinde Groß-Rohrheim. Allen Heimatfreunden wird empfohlen, die Beiträge auszuschneiden und zu sammeln.

 

 

 

 

Notizen aus der

Groß-Rohrheimer Ortschronik

VON RICHARD STAY

 

Weshalb man den Schultheiß von Rohrheim samt 4 Bauern ‚,einkellerte“

 

Am 10. August 1568 schrieben die Grafen von Dietz an den Oberamtmann der Obergrafschaft Katzenelnbogen Milchling von Schonstatt einen Brief und teilten ihm mit, dass ihnen berichtet wurde, der Keller Joseph Salveldt zu Zwingenberg wäre zu nächtlicher Zeit mit Bewaffneten in Rohrheim eingefallen und habe den Schultheiß Johann Helwig samt vier Bauern nach Zwingenberg ins Gefängnis geführt. Der Oberamtmann solle dafür sorgen, die Inhaftierten aus Rohrheim sofort wieder frei gelassen würden.

 

Hierauf erwiderte am 13. August 1568 sinngemäß der Oberamtmann dem Grafen von Dietz: „Die gefänglich Eingezogenen“, der Schultheiß samt der vier Leute von Rohrheim, hätten auf Grund der bestehenden Rechtsvorschrift und der Herkömmlichkeit zum Amt Bickenbach keine Hohe- oder Zentobrigkeit auszuüben. Dies stehe allein dem Landgrafen und Fürsten bzw. seiner ausübenden Behörde in Jugenheim und Zwingenberg zu. Dem Grafen aber gehöre lediglich die untere Gerichtshoheit. Da aber die Hohe- oder Zentobrigkeit stets in das Amt Auerbach gehört habe, war es eine Amtsübertretung der „Eingekellerten“, die beiden Pferdediebe lediglich der unteren Behörde in Bickenbach vorzuführen. Zur Strafe wurden sie daher ergriffen und vom Keller zu Zwingenberg eingesperrt.

 

Entnommen:  Staatsarchiv Darmstadt, Ab. XIII, 3 Konv. 62 Fsc 17. fol 22f-

 Fortsetzung folgt !


— 1 —

 

Der Schultheiß soll ,,Atzgeld“ für gestohlene Pferde geben!

Groß-Rohrheim, den 20. August 1569

Christoph Ernst, Graf zu Dietz und Herr zu Lißberg, legt bei den kur pfälzischen Räten in Heidelberg Beschwerde ein, weil der kurpfälzische Schaffner zu Lorsch dem Schultheiß zu Rohrheim in landesfriedenbrüchiger Weise vier Pferde aus seinem Wagen gespannt und neben dem Diener auch diese Pferde heute noch vorenthält.

 

Der Kurfürst Friedrich von der Pfalz antwortete hierauf am 14. 9. 1569 dem Grafen zu Dietz: Die Pferde seien dem Rohrheimer Schultheiß nicht zu Unrecht gepfändet worden. Er würde aber deren Rückgabe anordnen, wenn andererseits die von dem Schultheißen dem Lorscher Hofmann Philipsen Genger mit Gewalt abgenommene Pferde ohne Entgelt zurück gegeben, die eingezogene Türkensteuer zurückerstattet und das Kloster Lorsch hinfür nicht mehr mit unbilligen und unbefugten Beschwerden belastet werde. Für die Pferde müsse aber Atzgeld gezahlt werden.

 

Die ganze Gemeinde vor dem Reichskammergericht!

Groß-Rohrheim 1567

Martinus Reychardt Lipp bringt im Auftrag des Christoph Ernst, Grafen zu Dietz, Herrn zu Lißberg und Bickenbach, auch seiner Brüder und deren Untertanen, Schultheißen, Bürgermeister und der ganzen Gemeinde Rohrheim im Amt Bickenbach bei dem Reichskammergericht vor, daß Kurfürst Friedrich von der Pfalz, obwohl die obengenannten sich gegen niemand rechtlich vergangen haben oder das Recht versagt haben, etliche seiner Beamten, Untertanen und Diener in großer merklicher Anzahl zu Roß und Fuß mit Büchsen, Spießen, Hellebarden und anderen verletzlichen Wehren wohl versehen, am 24. November (wohl 1566) nächtlicher Weil in deren Dorf Rohrheim habe einbrechen lassen, besonders aber in das Haus des Schultheissen, (,‚wo billig eine sichere Zuflucht sein sollte“). Dieses Haus hätten sie durchsucht mit dem Befehl den Schultheißen gefänglich hinwegzuführen. Dies wäre auch geschehen, wenn er nicht gerade „auslendisch“ gewesen wäre. Am 29. November kam der Kurfürst wieder morgens um 6.00 Uhr, als es noch dunkel war, mit ungefähr 40 Reitern und 600 Mann zu Fuß, wohl gerüstet, abermals nach Rohrheim in landesfriedensbrüchiger Weise mit demselben Verhalten wie oben, um den Schultheißen und mehrere andere gräfliche Untertanen gefangen hinwegzuführen. (Die Hammerau war bereits pfälzisches Gebiet). Da sie diese aber nicht greifen konnten, gebärdeten sie sich wie die Feinde gegen die amen Leute. Bitte, dahin zu wirken, daß der Pfalzgraf die Leute zu Rohrheim samt ihren Gütern bei Strafe in Ruhe lasse.

Entnommen:  Staatsarchiv Darmstadt, Ab. XIII, 3 Konv. 62 Fsc 17. fol 10 ff

 Fortsetzung folgt !


 

— 2 —

 

„Schöffer zu Gernsheim“ ein Name Rohrheimer Herkunft?

Etwa um das Jahr 1618 liest man in einer Aufstellung über die Art, wie die Inhaber von Allemende-Grundstücken durch ihre Eltern dazu gekommen sind, folgende Namen von Rohrheimer Ortsbürgern:

„Landgreffische“: Peter Hilpert, Henne Phielip Schaab, Valten Diemer, Cleß Hoffman, Steffel Germans Witib, Wendel German, Ewalt Stein, Hans Eberlein, Heinrich Kraußen Witib, Peter Eberlein, Gangolff Höltzell, Barthel Heß, Heinrich Eberlein, Hans Philip Eberlein, Wendel Selman, Martin Bopp, Ewalt Menger, Jakob Höltzel, Marx Nongeßer, Johann Kern.

Erbachische: Hanns Henlein, Jacob Hertz, Hanns Eberlein, Peter Schöffer, Hanns Stumpf, Peter Wagner, Paul Schaubschab?

Entnommen:  Staatsarchiv Darmstadt, Ab. XIII, 3 Konv. 62 Fsz. 18. fol 82 ff

„Zu Gernsheim“ nannte sich auch ein Rohrheimer Adelsgeschlecht. Im Jahre 1531 gelobt Henne von Roirheim, den man nennet zu Gernsheim nichts mehr gegen seinen Lehnsherrn Gr. Johann von Katzenelnbogen unternehmen zu wollen. Am 22. Sept. 1256 entscheidet der Erzpriester zu Gernsheim,  Arnold, die Irrungen zwischen dem Kloster Lorsch und den Burgmännern zu Starkenburg. Auch er dürfte nicht in Gernsheim, sondern in der Abtei Rohrh. „zu Gernsheim“, gewohnt haben. Die hier genannten Burgmänner sind folgende: Im Jahre 1256 Rupelin, Hartmann, Sigelo und Craft. Im Jahre 1356 Heinrich Stumpf.

Wurde aus Schöffer Schäfer?

Das Geburtshaus kennt man nicht

So schrieb am 30. Dezember 1952 die „Neue Presse“. Es lohnt sich in diesem Artikel gemachte Ausführungen nocheinmal wörtlich zu bringen: „Dem Andenken Peter Schöffers von Gernsheim, weltlicher Richter zu Mainz dem Miterfinder der Buchdruckerkunst, der durch seinen Forschungsgeist diese Kunst vervollkommnet und mit dem tätigen Eifer verbreitet hat, weihet diesen Gedenkstein seine Vaterstadt, das dankbare Gernsheim, im Jahre des Heils 1836“.

Diese Worte stehen, in Stein gemeißelt auf dem wuchtigen Gedenkstein, der die ehrwürdige Gestalt Peter Schöffers trägt, auf dem Peter-Schöffer-Platz (kurz „Sand“ genannt) des Rheinstädtchens Gernsheim.

Über das Leben Peter Schöffers in Gernsheim ist wenig in Erfahrung zu bringen, und selbst das Geburtshaus des Erfinders kann nicht mit Sicherheit angegeben werden. Dafür aber, das weiß der einstige katholische Stadtpfarrer Dahl in seinen umfangreichen Niederschriften zu berichten, sollen noch heute Nachfahren Schöffers in Gernsheim leben. Zu den häufigsten Namen Gernsheimer Familien gehört der Name Schäfer, der auf Schöffer zurückgehen soll. Mithin könnte also die Mehrzahl der Schäfer-Familien ein Anrecht darauf erheben, mit Peter Schöffer verwandt zu sein.

Fortsetzung folgt !


— 3 —

 

Das Zentmaß wird eingeführt

In einem Bericht des Schultheiß zu Rohrheim, Johann Helwigk, an den Landgrafen vom 29. Dez. 1567 ist zu ersehen: „Durch den Amtmann ist in dem letzten halben Jahre das Zentmaß eingeführt worden. Es besteht in Simmer (28,685 Ltr.), Kumpf, halbem Kumpf, Gescheid und halbem Gescheid. Diese Maße werden wie auch in anderen Gemeinden bei mir verwaltet. Vorher war dies nicht so gewesen. Hat nun jemand im Dorf etwas zu verkaufen, so holt er das Maß bei mir und zahlt dafür einen halben Kumpf der Ware die es gerade mißt. Hat jedoch der Verkäufer nur wenig zu messen, dann kann er die Maße innerhalb eines halben Jahres zweimal benutzen.“

 

 

Die Dorfgräben als Fischwasser

Der Schultheiß berichtete am gleichen Tage über die Fischereiverhältnisse:

„Der eine Graben am Dorf ist der Gemeinde zum Fischfang freigegeben. Im vergangenen Jahre hatten wir ein Rheinjahr. Es brachte einen so guten Fangertrag, daß die Fische aus dem landgräflichen Gewässer bis zum Verkauf in den Dorfgraben gesetzt wurden. In dieser Zeit war der Gemeinde das Fischen im Dorfgraben verboten. Der andere Graben Ist ein freier Landgraben, der im Rhein beginnt und endet. In einem Rheinjahr hat er besonders viele Fische. Es ist ein herrschaftlicher Graben und gehört je zur Hälfte den Bickenbacher und Erbacher, deren Diener vom Fang je ein Viertel bekommen. (Die Hälfte des Fangertrages erhält der Landgraf). Diese Fischverteilung ist keine Neuerung, sondern im Register bewiesen und auch von dem Vorgänger so gehalten worden.“

Entnommen:                        Darmstadt Abt. XIII Konv. 62 Fsz. 17 fol. 3 ff

 

 

Ein Beispiel der Altersfürsorge

Am 5. Februar 1566 hat Elisabeth, Wwe. des Hanß Hoffmann, ihr Haus und Hof, gelegen zwischen Barthel Keym und Hanß Hoffmann dem Jungen, samt aller Gerechtigkeit und Zubehör nebst Bodenzinsen ihrem Sohn Hanß für 220 Gulden verkauft. Dafür soll er auf Lebensdauer der Mutter auf Martini jährlich 15 Gulden zahlen, und wenn dies nicht zum Leben ausreicht auch mehr geben. Sie erhält im Haus den Sitz in einer Stube mit Bett und Ofen. Weiterhin hat die Mutter auch ihre liegenden Güter an die drei Kinder verteilt. Dafür soll ein jedes im Jahr an Martini 2 Malter Korn und 2 Malter Hafer geben. — Geschehen vor dem Gericht zu Rohrheim in Anwesenheit des Schuhheißen Johann Helwig und der Gerichtspersonen Hans Keym und Gangolf German und von Hanß Hulprecht und Peter Heintz.  

Entnommen:  St. Dst., Abt. XIII, 3 Konv. 62 Fsz. 17 fol. 20 f

Fortsetzung folgt !


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Die Schäferei des Landgrafen

Am 20. März 1560 verpachtet der Landgraf Philipp von Hessen seinen ihm allein zustehenden Schäfereiweidgang zu Ober-Rohrheim auf Ansuchen seiner der Ripoltzkirchischen - und Ulnerischen - nicht aber der Erbachischen Untertanen auf weitere 10 Jahre zu ihrer besseren Ernährung. Sie sollen sich in der Feldmark Ober-Rohrheim 200 Schafe zu ihrem besten Nutzen halten. Dafür haben die Pächter jährlich auf Michaelis 100 Gulden-Münzen an. die Kellerei Bickenbach zu zahlen. Werden aber mehr als 200 Schafe gehalten, dann ist der ganze halbe Nutzen abzuliefern.

Entn:  Staatsarchiv Dst. XIII, 3 Konv. 62 Fsc. 17 fol 1

Der Kramschatz auf der Gass

Am 22. Juli 1568 wendet sich die ganze Gemeinde an den Landgrafen und führt Beschwerde gegen den Juden zu Rohrheim, der am Sonntag und vor allem an Festtagen seinen Kramschatz auslegt, auf der Gasse arbeitet und während der Predigt hin und wieder in die Häuser geht, was zum Nachteil der christlichen Religion wäre. Man bittet um baldige Abstellung.

 

Die Gemeinde plant den Bau einer neuen Kirche

J. Henrich Valhortt vom Amt Jägersburg berichtet dem Geheimen Rat in

Darmstadt, am 20. 6. 1617, über Rohrheimer Allmendverhältnisse:

1.             Die Verteilung der großen Gras-Allmen könnte ohne große Kosten für die Gemeinde geschehen, wenn den Landmessern, wie in anderen Zenten pro Tag ein gewisses Deputat gesetzt werde und dies alle 6 Jahre verteilt würde. Damit wäre erreicht, daß der arme Mann besser sein Fron- und Dienstgeld entrichten könne.

2.             Wegen der 25 Morgen Hecken (Langhecke, Stockhecke), die angeblich keinen Nutzen bringen, sei gesagt, daß sie der Gemeinde zu einem ersprießlichen Nutzen werden, wenn man sie rodet, bebaut, die Früchte verkauft und den Erlös für die Verminderung der Gemeindeschulden verwenden würde. Was an Eichenholz vorhanden ist, könne abgeholzt und als Bauholz für die Kirche verwandt werden, um so den eigenen Wald zu schonen.

3.             Das für die Weide untaugliche Stück soll den Leuten als Ackerland zugeteilt werden. Den übrigbleibenden Teil der Weide soll man nach obigem Beispiel der Langhecke bebauen und die Früchte verkaufen, damit die Gemeinde zu einer neuen Kirche kommt, deren Bau dringend notwendig wäre.

Nach diesem Plan 4 bis 5 Jahre verfahren würde wesentlich zur Entschuldung der Gemeindekasse führen. Später könne man das neu gewonnene Ackerland nach Erbauung der Kirche und Abtragung der Gemeindeschulden ganz an die Gemeinde verteilen.

Fortsetzung folgt !


— 5 —

 

Vallhortt erhält seinen Vorschlag vom Landgraf am 10. Dezember 1617,

der für die Beseitigung der Gemeindeschulden eintritt, verwirklicht:

 

„Extrakt der Gemeinde Groß-Rohrheim mit ihnen getroffenen Kontrakt“.

1. Verkauf der Gemeindeschmiede, die 600 Gulden gekostet hat.

2. Rodung der Stück- und Langhecke zu Ackerland.

3. Rodung eines Stücks der Gemeindeweide.

4. Verkauf der Äcker am Nebgersloch.

Entnommen:  Staatsarchiv Dst., Abt. XIII, 3 Konv. 62 Fsz. 18 fol 78

 

 

Vom Frondienst in der Gemeinde

Die Fron war meist eine unentgeltliche Dienstleistung, zu der früher „der gemeine Mann“ dem Landesherrn und besonders seinen adligen Grund- oder Gutsherrn verpflichtet war. Sie bestand teils in Spanndiensten, wie Ackerbestellung oder Baufuhren, teils aber auch in Handdienstleistung, d.h. persönliche Verrichtungen auf dem Gutshof. Erst die Bauernbefreiung am Ende des 18. und 19. Jahrh. hat auch die Fron beseitigt. Nicht zuletzt ist in der Gemarkung auf dem Krönke-Denkmal zu lesen:

 

DIE GEMEINDE GROSS-ROHRHEIM ZUR DANKBAREN ERINNERUNG DES GROSZHERZOGL. OBERBAUDIREKTOR DR. KROENKE

für die Anschaffung der Steuerfreiheiten - Unteilbarkeit der Huben Güter - Zehnten Schafweiden und Grundrenten. - Dieses Denkmal wurde im Jahre 1836 errichtet, aber erst durch das Gesetz vom 2. März 1950 [1850] wurde die Ablösung der Frondienste und Schaffung freien Grundeigentums der Bauern als abgeschlossen angesehen.

 

Aus Bittschriften an den Landgrafen ist folgendes zu entnehmen:

Am 22. Juli 1568 trägt die Gemeinde Groß-Rohrheim vor, daß sie im Frondienst neuerdings auf Anordnung des neuen Kellers höher gesetzt worden wäre. Zum Gegenteil hätte man die Alsbacher niedriger gehalten. Die Alsbacher wollten die Fron auf die Anzahl der Pferde gesetzt haben. Und dies wäre doch kein altes Herkommen. Obwohl nämlich ein armer Mann in Rohrheim 3 oder 4 elende Mutterpferde habe und hierzu sehr wenig Land bebaue, es wäre meist Bestandsland, könne noch eine große Rheinflut dazukommen und die Weide samt der Fütterung einschließlich der Frucht verderben. Man käme somit innerhalb eines Jahres um Pferd und Kuh. Dagegen hätten die zu Alsbach einen Gaul und könnten mit ihm mehr anfangen, als die hiesigen mit vieren. Auch könne den Alsbacher der Rhein weder Weide noch Futter nehmen, und die Gemeinde Groß-Rohrheim bittet, daß in Auerbach ihre Pferde nicht in die Fron gesetzt werden.

Fortsetzung folgt !


— 6 —

 

Und in gleichem Gesuch bittet die Gemeinde, daß der Landgraf sich bei Kurmainz verwende, um das von den Gernsheimern neuerdings eingeführte Wegegeld von 1 alb. für das Pferd für sie als aufgehoben zu betrachten oder doch gnädiger zu gestalten, zumal sie sich den Gernsheimern gegenüber auch gut nachbarlich bei ihren Fronfahrten verhalten würden.

 

Auf einem weiteren vergilbten Blatt, wahrscheinlich aus dem Jahre 1569, ist zu ersehen: „Beschwerde der Gemeinde Rohrheim, Hähnlein und Alsbach im Amt Bickenbach wegen neuer Belastungen aus drängender, schwerer, anliegender Not an den Grafen zu Dietz“.

 

Hiernach werden nachfolgende Punkte angeführt:

 

1.     Die drei Gemeinden sollen dem Amtmann ein Pferd halten, obwohl er doch besoldet wird.

 

2.     Sie sollen dem Amtmann Stroh und Heu aus der gräflichen. Scheune aufs Schloß fahren, obwohl er doch über eine Bestallung verfügt, es nicht an Futter fehlt und einen Knecht mit Lohn hat.

 

3.     Fron für die Amtsfrau.

 

4.     Das Brieftragen sei nach altem Herkommen nur eine Meil wegs-. weit üblich gewesen. Nun müßten sie bis Mainz, Speyer und Frankfurt gehen.

 

5.     Die Hasenjagd sei früher nicht für den Amtmann und Keller, sondern nur für den Landgrafen üblich gewesen.

 

6.     Bei des Grafen Vater sei es nie üblich gewesen, daß die drei Gemeinden das Kraut hinter dem Schloß hätten einfahren und die Rüben krotzen müssen.

 

7.     Hätten mehrere Haushaltungen zu Alsbach für die Frontage Geld geben müssen. Nun müßten sie auch noch die Fron dazu leisten.

 

8.     Sei es altes Herkommen, daß sie das Holz aus dem Wald in Fron bis an die Pforte gefahren hätten. Zuvor hätte es sogar der Gesellknecht holen müssen. Nun aber wolle der Amtmann sie zwingen, das Holz bis ins Schloß zu fahren und hätte mit dem Turm gedroht.

 

Entnommen St. Dst., Abt. XIII, 3 Konv. 62 Fsz. 17 fol. 32 ff

Fortsetzung folgt !


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Berichtigung:  Seite 5 „Vom Frondienst in der Gemeinde“ Abs. 2

 Es ist richtig: Durch das Gesetz vom 2. März 1850 nicht 1950 vgl. 1850

 

Ein Burgmann zu Starkenburg

Graf Hans Schenk war ein Burgmann zu Starkenburg. In der Gemeinde Groß-Rohrheim hatte er um das Jahr 1400 besonders große Anrechte auf Naturalzehnte. Er wurde vom Erzbischof Johann zu Mainz aus der Kellerei Heppenheim auf St. Martinstag entlöhnt.

Im vorliegenden Fall war der Burgmann ein Adliger. Es konnten aber auch Bürgerliche werden. Beiderseits gleichgestellt hatten sie dieselben Rechte und Pflichten. Durch den Eid waren diese Vasallen ihrem Herrn zu Kriegdiensten verpflichtet. Ein Dienst besonderer Art war der Festungsdienst. Für ihre Dienstleistungen erkannte man Nutznießungen zu. So erhielten die Burgmänner Einkünfte durch Belehnung mit Höfen, Güter und durch Besoldung an Geld und Naturalien. Der „Burgkäse“ spiele zu Starkenburg eine besondere Rolle. Die Freiheiten ergaben sich aus den getreuen Diensten, die die Burgmänner zu leisten hatten. Der Erzbischof verpflichtete sich für ihren Unterhalt und eine entsprechende Behausung. Wer nicht Lehens- oder Burgmann des Mainzer Stifts war, konnte nicht gegen ihren Leib oder ihre in Stiftslanden gelegene Güter klagen, außer vor des Erzbischofs oder Burggrafen Gericht. Wenn jemand, der im Umkreis des Schlosses einen Totschlag oder sonst ein Verbrechen beging, auf den Hof oder in das Haus eines Burgmanns, in dem er wohnte, floh, dann sollte er Frieden und Schutz genießen, als wäre er in eine Kirche geflohen (Freihäuser). Was sie von Bürger oder Bauern an Grundstücken kauften, war für sie und ihre Erben bedfrei.

Der Burgmann Hans Schenk zu Erbach überliefert der Gemeinde durch das Gültbuch des Amtes Tannenberg die älteste Orts- und Flurbeschreibung. Nachfolgend urschriftliche Auszüge aus dem in Schweinsleder gebundenen, fein säuberlich geschriebenen Buch:

Diß ist die deilung zu Rorheim des dorffs und ist gedeilt in viere deil (Bein Gasse, Eck, Schenksten) und ist diß deile Schenk Hansen virteil:

Item daz mittel deil zu Rorheim, als die gaße hinter dem bakhuse ußen get offdaz bruch undewendig annen hoffstede hien unv zuschen Gerolds (Wüstung bei Gernsheim) und Kelre (Wüstung auf dem Aarfeld) als der zun ußen get off den graben daher abe biß zuschen Glas Snider und dem alten schultheißen (Peter Buer) biß in den graben und die gaßen uß zuschen der Ruczappen un der Swikern biß in das bruch und waz nydenwendig instem (?) lit bisß an das feld, daz hort daryn und uber die straßen biß in den graben und zu Nydern Rorheim hort daryn und zu Lindau (bei Jägersburg) daz nayderst deil gein Langwaden hort auch drin auch ist derselbe hoff drin gefallen, der iczund dainne liget mit allen rechten daz darzugahort.

Fortsetzung folgt !


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Namen Rohrheimer Bürger um 1400:

Gerhart Meder, Gude Hoffmenn, Cuncz Focke, Herman Wickirs kinde, der Salmen kind, Jekel Schuczen kinde, Henchin Meczeler, Henne Wickirs, Henne Meder, Cuncz Irmegart, Wencz Irmegart, Wencz Ruckzapp, Helff, Gerolt Schaup.

 

Einige Abgabebefehle aus gleichem Gültbuch:

 

Item die 4 malter kese zu Rorheim und 1 malter zu Lindau die fallent, alle jahre wanne die Scheffer da sin und anders nit.

 

Item an den eckern zu Rorheim die zu halben sumer geben, get abe 5 sumer hure und fernt wanne sie stet in der herren hant. (hure und fernt - heuer und voriges Jahr) Item an dem hoffe, der man nennt des gefen hoff und an dem schenken hoff hat myn herre daz virteil, wie man sie verlihet.

 

Flurnamen:

 

An der Wiege, an dem Bruwel, Auwer felde, die Weide, Schappelecker, item des heilgen cruczes elter, die heilgen Wegen, die heilgen 5 Morgen.

Entnommen:  St. Arch. Dstdt. Abt. XII, Konv. 73 Fsz 1 -

 

Von der Heimat Peter Schöffers

Wenn die ersten Sonnenstrahlen das Standbild Peter Schöffers in den Zauber eines verlegenen Lächelns verwandeln, dann freuen sich besonders darüber die Bürger „zu Gernsheim“. Und weshalb schon im frühen Mittelalter die Rohrheimer Einwohner bei „zu Gernsheim“ ansässig waren, darüber werde ich in einer der nächsten Folge berichten.

 

Bereits um das Jahr 1807 ist es dem Chronist und Stadtpfarrer Konrad Dahl nicht gelungen, wenigstens nur eine Schöfferfamilie in Gernsheim selbst einwandfrei nachzuweisen. Anders liegen die Verhältnisse in Groß-Rohrheim. Diese Gemeinde erbringt, wenn auch aus späteren Jahrhunderten, bis jetzt, nachfolgende Schöffernamen:

 

1617 Hans Schöffer; aus einer Aufzählung Groß-Rohrheimer. Bürger entnommen.

 

1618 Peter Schöffer; Erbachischer Grundstückbesitzer in der Gemeinde Groß-Rohrheim.

(Vgl. vorl. Angaben: Staatsarch. Dst. Abt. XIII, 3 Konv. 62 Fsc 18 fol 82 ff.)

 

1870 Peter Schöffer; geb. 1670, gest. am 25. 4. 1740. (Aus dem Familienbuch des ev. Pfarramtes Groß-Rohrheim, Seite 55).

Fortsetzung folgt !


— 9 —

 

Über die Wohnstätte Peter Schöffers hat bereits Dahl in seinem Buche „Beschreibung des Amtes und der Stadt- Gernsheim“ einige urkundliche Angaben machen können. Er überliefert: „Im Februar 1484 bekam Peter Schöffer das Haus und hoff sammt seinem Begriff uff der Ecken, hinter der Herrn von Erbach hoff gelegen, item die halb Scheuer dagegen über“ Die beweiskräftigen Angaben, daß nämlich dieser Urkundenbericht auf die Gernsheimer Ortsverhältnisse zu übertragen wäre, ist in benanntem Buche. auf keiner Seite feststellbar. Dahl. meint in seinen Erläuterungen, der in Gernsheim in Frage kommende Hbf hätte auch in seiner Nähe eine Ecke und das könnte alles ganz gut auf den vorgenannten Urkundenbericht passend sein.

Wie -liegen zu dieser Betrachtung die Groß-Rohrheimer Ortsteile im Verhältnis zu dem gesuchten Schöfferhaus ? -

Bereits um das Jahr 1400 überliefert uns der Herr von Erbach und Burggraf Hans Schenk, „als Vierteil“ die vier wohlbekannten Ortsteile im alten Rohrheim, nämlich die Bein, die Gassen, das Eck und das Schenksten.

Nach dem Schenk von Erbach ist der Schenkenhof bzw. der heutige Ortsteil Schenksten benannt. Es war der Ortsteil Eck, der an den alten Schenkenhof, angrenzte. Auf dieser Grenzlinie also, zwischen dem Schenkenhof und dem Ortsteil „Eck“ auf einem eingeebneten Graben gelegen, stand nach Dahl‘s Überlieferung Peter Schöffer‘s Wohnhaus. Uber die Halbscheuer, die bereits schon vor Jahrzehnten abgebrochen wurde, wäre es interessant noch etwas näheres zu erfahren.

Über Schöffers Wohnhaus selbst, macht Dahl in seinem Buche „Beschreibung der Stadt und des Amtes Gernsheim“ eine sehr aufschlußreiche Mitteilung. Er berichtet: „Im Februar 1484 bekam Peter Schöffer das Haus und Hoff sammt seinem Begriff uff der Ecken, hinter der Herrn von Erbach hoff gelegen, item die halb Scheuer dagegenüber.“ Jedoch die hierauf folgende Erläuterung des Verfassers zu vorliegender Wohnungsangabe, nämlich diese Überlieferung mit einer präzisen Begründung auf die Ortsverhältnisse der Stadt Gernsheim entsprechend anzuwenden, sind ebenso haltlos, wie seine Deutung der Schöffer- auf die in Gernsheim stark vertretenen Schäfernamen. So meint er endlich, daß bei dem in Gernsheim vermutlichen Hofe auch nahe eine Ecke dabei gewesen wäre und dies könne alles recht gut mit der Urkunde übereinstimmen.

Fortsetzung folgt !


— 10 —

 

 

 

Zusammenfassend kann demnach einwandfrei festgestellt werden, daß das Wohnhaus des verdienstvollen Buchdruckers Peter Schöffer zu Gernsheim in Groß-Rohrheim hinter- dem Ortsteil Schenksten an der Straße „Im Eck“ gestanden hat. Auch der spätere Verwandte, Hans Schöffer, läßt sich wiederholt in Behördenschreiben als Rohrheimer Einwohner nachweisen. Überhaupt sind alle in der Gernsheimer Chronik unter „zu Gernsheim“ lautende Urkunden. Für die Gemeinde Rohrheim mit dem Amt Jägersburg zutreffend. Sie ergeben sehr schöne Beschreibungen über das mittelalterliche Ortsgeschehen und illustrieren die dazugehörige Gemarkung. Daher möchte ich mich lediglich noch auf einen dritten Beweis beschränken. In Dahl‘s Buche: „Beschreibung des Amtes und der Stadt Gernsheim“ ist auf Seite 149 auch der Rohrheimer Bürger Rasche zu ersehen. Er ist genau wie die Schöffer‘s mit den folgenden urkundl. Angaben für das 5 km entfernte Rohrheim zu belegen:

 

-                                             — Im Jahre 1324 —                                             -

Das Domkapitel in Mainz verleiht erblich seine näher bezeichneten Güter in der Gemarkung Rohrheim gegen 16 Malter Korn Jahrespacht dem Peter gen. Russche und seinen Erben, der zur Sicherheit ein eigenes Grundstück verunterpfändet. Transfix: nach Peters Tode kommt unter den Erben in erster Linie sein gleichnamiger Sohn in Betracht.

 

Die Besitzrechte der Herrn zu Erbach in Rohrheim sind aus den folgenden Aufzeichnungen zu entnehmen:

 

Am 5. August 1386

Bischof Eckhard von Worms, Burggraf Heinrich Graslag auf Starkenburg, und Ritter Emich von Borntze vermitteln einen Vergleich zwischen Else von Katzenelnbogen, Frau zu Erbach, einerseits und Ritter Gerlach von Breidenbach und seine Frau Lucke anderseits, wegen des Hofes zu Rohrheim. Zeugen: Hans Schenk, Herr zu Erbach, und die Edelknechte Werner Gawir, Heinrich von Hatzstein, Hamann von Sickingen, Ulrich Colling und Brising von Rosenbach.

Am 14. März 1468

Vor Notar Heinrich Sasse von Neukirchen und benannten Zeugen erklären auf Verlangen des Schenk Philipp zu Erbach, bevollmächtigter Kaspar Hundt, der alte Schultheiß Peter Buer, der neue Clos Kysel und die genannten Gerichtspersonen zu Groß-Rohrheim, daß die St. Gertrudenpfründe daselbst, zur Zeit verliehen an Heinrich von Seeheim, lediglich von Schenk Philip zu Erbach verliehen werden dürfen, der auch das sog. Wertheimische Teil, früher in Pfandbesitz des Hamann Ulner, im Erbgang erworben habe.

Fortsetzung folgt !


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— Im Jahre 1368 —

 

Johann Graf von Wertheim und seine Gemahlin Margaretha verpfänden an Schenk Eberhard von Erbach und dessen Gemahlin Elisabeth von Katzenellnbogen ihren Teil an dem Schloß Bickenbach, dem Dorfe Rorhe, den Zehnten zu Umstadt und Sassenheim für 2100 Gulden.

 

Am 29. Jan. 1420 (Vgl. Hess. Urkunden, Dr. Ludw. Bauer IV. Band, Seite 60):

Ich Hademar herre zu Laber und ich Malpurg Schenyune von Erpach, sin eliche huffrauwe, tun kunt, das wir verkaufft haben hern Ludwig Pfalzgrauen by Rine und frauwe Methilden von Saphaye, seiner elichen huffrauwen vnd yren erben diese hernachgeschriben gütere, mit namen das dorff Seheym (danach folgt): item Rorheim das dorf halbes mit dem halbenteil der czinse, gulte und gefelle.

 

Aus dem Salbach Starkenburg Nr. 64a vom Jahre 1488: Schenk Conrad, Herr zu Erbach, hat in einem Felde, gelegen in Rorhemer gemarcken, genannt die Hart, einen Zehnten.

 

Flurname: Gemarkung Groß-Rohrheim Flur VI, Parzelle: Schenkisch Ruh.

 

Der erste Stein im uralten Weistum

Wer Rohrheimer Urkunden liest, der findet auch eine Handzeichnung, aus der die Groß- und Klein-Rohrheimer Gemarkungsgrenze zu ersehen ist. Diese Skizze ist aus dem Jahre 1717 angefertigt. (Vgl. St. Arch. Dst. Abt. XIII, Konv. 62, Fsz. 20 fol. 21) Sie enthält den Vermerk: „Gränzzug nach dem uralten Weistum, so vor 6o Jahren gemeinschaftlich also gegangen sein sollte.“ Am Anfang dieser, für die Gemarkung sehr bedeutende Grenzlinie, ist auch in gleicher Aufzeichnung der erste Flurstein zu ersehen, der als „der erste Stein im alten Weistum“ bezeichnet wird.

Allgemein enthält ein Weistum Auskünfte über Gewohnheitsrechte, die von den Ältesten oder Schöffen festgelegt, im Mittelalter schriftlich aufgezeichnet wurden. Hier wird durch einen solchen Rechtsspruch das alte Rora, wie die beiden Gemarkungen Groß- und Klein-Rohrheim frühgeschichtlich überliefert wurden, in zwei Orts- und Feldgemeinschaften geteilt.

Diese Grenzziehung besteht seit mehr als 1000 Jahren. Sie hat seit dieser Zeit eine kaum merkliche Veränderung erfahren. Daher kann sie auch sehr leicht gefunden werden. Man wandert vom Krönke-Denkmal auf der Nordseite des Landdeiches entlang bis zum ersten Dammknie und begibt sich, der Klein-Rohrheimer Nachtweide gegenüber, an die Kiesgruben, in deren unmittelbaren Nähe, der erste Stein, wie er im uralten Weistum genannt wird, eingegraben war.

Fortsetzung folgt !


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Die Sprache legt die Namen dieser Riedorte Ober- und Nieder-Rorheim, wie sie vor dem dreißigjährigen Krieg geschrieben wurden, auf die Begriffsformen: kostbar, selten, schön, aus. Die niederdeutsche Silbe — ror — entspricht gleich des lateinischen - rar -‚ wie sie vom Reichstag zu Rara her bekannt wurde.

 

Zu dieser sprachlichen Erklärung erbringt ebenso die Feldmark Rora den dazu nötigen Beweis. Zunächst kann man eine germanische Burganlage in der Gemarkung Groß-Rohrheim vor dem heutigen Forsthaus Jägersburg feststellen. Diese Spuren lassen sich aus dem Flurnamen noch deutlich ergründen. Vergleichsweise ist auch die Altenburg bei Niedenstein (Reg. Bez. Kassel) anzuführen. Die Altenburg wird als der Hauptsitz der Chatten angesehen. Aus den Chatten, die später zum fränkischen Stammesbereich gehörten, sind die Hessen hervorgegangen. Auch die Villa Regia, wie sich im Mittelalter das Amt Jägersburg mitbenannte und zu der bei Schwanheim der „Bensheimer Weg“ einmündete, war im Besitz der Hessischen Dynastie. Eine einfache Skizze aus dem Jahre 1579 beschriftet das Schloß Jägersburg mit dem Namen „Rorheim“. Die Wallfahrts- und Gnadenkapelle Rara grenzte unmittelbar an das fürstliche Jägersburg an. Die seltene Schönheit dieser päpstlichen Kirche wurde schon frühgeschichtlich durch den Bischof Thitmar von Merseburg bestätigt. So berichtete er, daß sie beim Reichstag im Jahre 983 sternenhell erstrahlte.

 

Das lateinische Rara weist Wehranlagen nach Es waren die Römer, die in ihrer Kastellkette durch die Oberrheinische Tiefebene der Riegelbastion Rara besondere Bedeutung beilegten. Diese Schlüsselstellung ergab sich aus der geografischen Lage. Denn westlich von Rara lagen die Rheinfurtwege in die Hamae (Hammerau) und östlich davon der weitsichtbare Melibocus als Leitzeichen über den Odenwald nach der Rheintiefebene. Der bedeutendste Ausgangsweg über den Rhein führte an der Stelle vorbei, die im alten Weistum als der „erste Stein“ bezeichnet wird.

 

So hat schon in ganz früher Zeit dieser Feldstein seine besondere Bedeutung. Als im Jahre 773 Karl der Große die Heppenheimer Mark dem Kloster Lorsch schenkte, nannte er als Anfang dieser Grenzung die Villa Steinvortowa, deren Namen auf diesen ersten Stein zurückzuführen ist. Im Jahre 829 wird in einer Schenkung an das Kloster Lorsch die gleiche Siedlung, als Steinfurt bezeichnet, wiederum genannt. Es bestand aus einem Hof, der vorwiegend im Besitze der Kirche zu Gernsheim gewesen ist. An die Abtei Eberbach hatte er im Jahre 1250 einen jährlichen Grundzins von 4 Pfund, 4 Schilling und 4 Denaren zu entrichten. Erst in den Napoleonischen Kriegen wurde dieses Hofhaus zerstört und nicht wieder aufgebaut.

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Seine militärische Bedeutung im Kriegsfalle ergab sich durch den Hessischen Altrhein, der mit dem langen Graben an Steinfurt unmittelbar vorbeifloß. Der Altrhein war gleichzeitig Grenzwasser, das sich westlich vom heutigen Rheindamm und östlich an der Flur „die Bickenbacher“ vorbei nach der Parzelle „am Zollstock“ bis zum Ferger-Wirth hinzog. Von da wurde der Hessische Altrhein in den Pfälzer-Schreben-Arm aufgenommen. Man konnte also lediglich über den „hohen Weg beim Kirchgraben“ aus der pfälzischen Hammerau den Hessischen Grenzhof Steinfurt erreichen.

 

Beim ersten Stein nach dem alten Weistum, etwa 200 Meter südlich davon, stand auf den Groß-Rohrheimer Haaräcker ein römisches Würfelkastell. Sehr wahrscheinlich war es eine Villa Hadrian und der spätere Hadder-Hof. Von diesem Gutshof führte die alte Büttelsfahrt durch die „ausgesteinten Wiesen“ im Rohrheimer Wirth auf den Rheindamm in Richtung der Burg Stein.

 

Aus Urkunden entnommen: Durch Helweg von Rückershausen, Amtmann zu Auerbach, wird eine Irrung wegen rückständiger Gilten vom Hadder-Hof zu Groß-Rohrheim fallend, dahin verglichen, daß wegen dem großen Brand zu Rohrheim das Kloster den vierjährigen Rückstand der Gilten nachlassen, dagegen aber künftig die Hofleute die 2 Malter „Pfracht“ richtig an das Kloster liefern sollen. (Datum fehlt)  [1556. Dahl, Lorsch. Urk. 111]

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Hofrat Fr. Kofler erzählt vom Gräberfeld

beim Krönkedenkmal

Einige Tage vor Ostern 1880 erhielt der historische Verein durch sein Mitglied Herrn Lehrer Gölz zu Klein-Rohrheim die Nachricht, daß die Arbeiter, welche beschäftigt waren die Rheindämme auszubessern, die durch den schweren Eisgang am 3. Januar zerstört worden waren, beim Ausheben von Erde einige menschliche Skelette, sowie Stücke von Aschenkrügen und zwei Lanzen gefunden hätten. Dieses Totenfeld ist etwa 5 Minuten von Klein-Rohrheim entfernt, liegt auf beiden Seiten, sowie unter der nach Worms führenden Landstraße und teilweise noch unter der Riedbahn, welche sich der hier genannten Straße nähert. Das Terrain neigt sich daselbst sanft von Ost nach West ab bis zum sogenannten Bruch, einer Wiese, welche vor noch nicht langer Zeit trocken gelegt wurde, und war in früheren Zeiten vielfach Überschwemmungen ausgesetzt. Die Flur in welcher die Gräber liegen, führt den Namen Bruchacker. Dies Grenzen des Totenfeldes konnten von mir erst im Laufe des letzten Herbstes annähernd bestimmt werden. Sie ergaben eine Länge von etwa 200 m, eine Breite von 140 m. Die Reihen sind im Durchschnitt 5.50m von einander entfernt, sie laufen parallel mit der alten, jetzt überführten Gernsheimer — Wormser Landstraße und in einem spitzen Winkel zur heutigen Chaussee, welche die meisten Reihen schneidet. Zuweilen traf ich ein Grab zwischen zwei Reihen. Die Entfernung zwischen den einzelnen Gräbern ist nicht überall die gleiche; .einzelne liegen 5.50 bis 6.50 m von einander, während manchesmal 4 bis 5 dicht zusammen angetroffen werden. Nimmt man die Entfernung im Durchmesser zu 3,5 bis 4 m und im Abstand zu 5.50 m an, so würden sich nach der oben angeführten Größe des Totenfeldes 25 Reihen zu 50 bis 70 Gräbern, also 12 bis 1500 Grabstätten ergeben.

Durch meine Ausgrabungen konnte ich nur bestimmt nachweisen, von welchen 5 auf der östl., 3 auf der westlichen Seite der Chaussee fallen. Auf der letzten war nämlich schon seit vieler Jahrzehnten allerwärts Sand ausgegraben und dadurch die Gräber zerstört worden; auf der östlichen Seite aber hatten die Dammarbeiter das ganze Terrain in tumultnarrischer Weise durchwühlt, und es war somit nur wenig Raum für meine Tätigkeit geblieben.

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Im ganzen wurden von mir zwanzig Grabstätten aufgedeckt. Ihrem Inhalt nach zerfallen dieselben in Schichtengräber, Einzelgräber und Brandgruben. In den ersten lagen zuweilen zwei, ja drei Leichen übereinander; in den letzten fanden sich nur Tier- und Vogelknochen mitten zwischen Kohle und Asche. Die Einzelgräber waren zum größten Teil sogenannte gestörte Gräber, d. h. solche, in welchen erstens nur Teile des Knochengerüstes sich vorfanden, und in welchem zweitens das Vorhandene sich nicht an der Stelle befand, wo es naturgemäß liegen sollte. So traf ich in einem Grabe ein vollständig erhaltenes Skelett, die Beine desselben bis zu den Rippen heraufgezogen, das große guterhaltene Becken losgelöst und quer über den unteren Teil der Oberbeine gelegt. In einem anderen Grabe fanden sich außer einer Kinnlade nur abgebrochene Armknochen. Die gestörten Gräber bildete bei den von mir aufgedeckten den größten Prozentsatz. In einem Grabe fanden sich 2 Leichen, anscheinend Mann und Frau, nebeneinander.

 

Die Gräber lagen nicht genau von West nach Ost, aber genau in der Richtung mit der Spitze des Melibocus, der nach Osten hin die Landschaft abschließt. Ihre Tiefe war sehr verschieden, sie betrug bei einigen nur etwa 35 cm. Die ganz flachen waren Schichtengräber, bei denen also unter der oberen noch eine zweite Leiche gefunden wurde. Die Beschaffenheit des Bodens änderte sich auch bei Einzelgräber die Tiefe. Der Boden besteht nämlich dort bis zu einer Tiefe von 50 bis 80, ja bis 100 cm aus einem Gemisch von fettem Lehm und Sand, unter dem eine 5 bis 8 cm dicke, feste, Schicht Rheinweiß gelagert ist.

 

Bei der Anlage eines jeden Grabes wurde diese Schicht Rheinweiß durchbrochen und der Tote unterhalb derselben eingebettet. Die Skelette lagen  teils auf der Brust, einige auf der rechten, andere auf der linken Seite, Hände und Beine bald gestreckt, bald gespreizt oder gekreuzt usw. Die Größe der Skelette variierte zwischen 1.50 und 1.85 Meter. Die Schädel waren im allgemeinen lang gestreckt mit bedeutendem Hinterkopf, der eine zeigte einen schönen vernarbten Schwerthieb. Bei zwei Gräbern auf der westlichen Seite der Chaussee fand ich niedrige Steinsetzungen oder Packungen von rotem und gelbem Sandstein, und umherliegende Sandsteine zeigten mir, daß Dammarbeiter auch auf der östlichen Seite solche Steinsetzungen vorgefunden haben mußten

Fortsetzung folgt !


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Die tiefer liegenden Gräber enthielten Beigaben; bei den flacheren, den oberen der Schichtengräber, fehlten diese. Wir sehen hierin den Beweis, daß das Totenfeld sehr lange Zelt, vielleicht Jahrhunderte hindurch benutzt worden ist.

 

Die Beigaben waren im allgemeinen so verteilt, daß zur rechten Seite des Kopfes oder über demselben ein Gefäß stand, in dessen Nähe gewöhnlich Pferde-, Ochsen- und Schweineknochen zu finden waren. Etwaige Schmucksachen befanden sich um den Hals oder in der Nähe der Ohrhöhle. Zur rechten der Leiche fand sich gewöhnlich ein Messer oder eine Waffe, mitunter auch nur ein Ton- oder Glasgefäß. Auch an der linken Seite traf ich zuweilen Waffen. In der Nähe der Knie fand ich Riemenschnallen und zu den Füßen Lanzen oder Pfeile, Kämme .u. s. w. In einem Falle eine Glasschale.

 

Die Fundstücke bestanden in einer Anzahl Glas- und Tongefäßen, die zum großen Teil in beschädigtem Zustand niedergesetzt sein mußten, da sich Scherben derselben im Grab zerstreut vorfanden. Weiterhin bestanden die Ergebnisse aus einem fränk. Schwerte (spatha) drei verschiedenen Arten Saxen, ein Schildbuckel, Lanzen, eiserne und steinerne Pfeile, eiserne Messer, Ringe, Gürtelbeschläge, schöne tauschirte eiserne Schnallen, broncene Ziergegenstände, Knöpfe, Schnallen, Beschläge u. s. w. hölzerne und beinerne Kämme, ein Gold-Bracteat, ein silbernes  Ohrgehänge, Bernstein-, Schmelz- und Tonperlen, Stückchen Bernsteine, 1 tönernen Spinnwirtel, Feuersteine, ein sehr scharfes zweischneidiges Instrumentchen.

Fortsetzung folgt !


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Die Luitra

 

Als im Jahre 1657 die Feldgeschworenen der Gemeinden Groß- und Klein-Rohrheim ihre gemeinschaftliche Gemarkungsgrenze begingen, beriefen sie sich bei ihrem Kontrollgang auf den Grenzzug nach dem uralten Weistum Die Urkunden weisen diese gleichzeitige Kreisgrenze bis zum 8. Jahrh. nach. Und mit der ersten geschriebenen Überlieferung wird diese Grenzziehung als Luitra bezeichnet. Diese Namensgebung findet man vorwiegend in der Nähe alter Reichspaläste. Hier bezieht sich der Name Luitra auf das in seine Nähe gelegene hess. fürstl. Schloß Jägersburg, dessen ehemaliger Besitz sich durch die konfessionelle Gleichheit der Gemeinden: Schwanheim, Groß-Hausen und Ober-Rohrheim noch gut nachweisen läßt. Die Luitra mußte demnach die nördliche Grenze des alten Königshofes Jägersburg gewesen sein. Ein Lorcher Wildbanngebiet (Wildhube), das mit seinem westlichen Giebel am Bruch anfing, wird von genannter Grabengrenzung ein Stuck nach der östl. gelegenen Bergstraße begleitet. Im allgemeinen findet man Wild- oder Forstbanne in der Nähe alter Königshöfe. Allein der König hatte ursprünglich das Recht, die Jagd und die eigentumsmäßige Benutzung bestimmter Wälder bei Strafe jemanden zu untersagen oder andere Personen mit diesem Recht zu beleihen. Später gingen diese Privilegien auf die Landesherren über. Der bedeutendste Wildbann unserer Gegend war der aus dem Nibelungenlied bekannte Wald Forehahi. Er war in vier Jagdlehen aufgeteilt. Es liegt die Vermutung nahe, daß die Luitra gleichzeitig eine Distriktgrenzung dieses Waldgebietes darstellte.

 

Hieraus ist zu erkennen, daß die Rohrheimer Gemarkungsteilung, die bereits Im 15. Jahrh. als der Graben zu Nieder-Rohrheim bezeichnet wird, mit ihrer nahen Umgebung wertvolle prähistorische Beträge zu leisten vermag. Im Klein-Rohrheimer „Ei“ (Eyk) bei den „Hundertmorgen“, läßt sich aus dem 17. Jahrh. ein Ziehbrunnen nachweisen. Kleinere Mauerreste wurden dort in den 80er Jahren abgetragen. An der „Petersbrücke“ schneidet die Luitra die römische Steinstraße Gernsheim — Ladenburg und südwestlich davon im Feldteil „Entenweg“ ist der erloschene Ort Gerols zu suchen. Er ist aus Urkunden nach dem 15. Jahrh. nicht mehr nachzuweisen. Die dabei liegenden Flurnamen erzählen von einer Windmühle, dem Enten- und Schindbaum.

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Das Ruggericht am Sankt- Gertrudentag

 

Bauern, die früher eine Hube Land bewirtschafteten, nannten sich Hübner. Ihre Feldanteile an den alten fürstlichen Wildbannbesitzungen hatten die Größe von 30 bis 60 Morgen. Durch spätere Teilung der Hubengüter gab es neben den Vollbauern oder Hübner, die Halbbauern oder Halbhüfner. Eine Steuer, die auf die Hube gesetzt wurde, nannte man den Hubenschoß.

 

Die Rohrheimer Wildhube läßt sich zwischen der Luitra und dem Feldteil „am steinernen Kreuz“ beim „Kappeshäuser Weg“ nachweisen. Neben dieser Groß-Rohrheimer Waldhausstraße standen die kirchlichen Gebäude des Klosters Lorsch. Aus Urkunden ist zu entnehmen, daß sie einen Teil des nördlichen Vorhofes dieser Benediktiner-Abtei darstellten. Für Rohrheim waren sie die Kaplanei, die zum Halbstift zu Gernsheim gehörte, und in der der Pfarrer von Ober-Rohrheim den Altardienst mitversah. Als der Kirchenort des Halbstiftes ist Rohrheim mit seinem Benefizium Sankt-Gertrudis in Ober-Rohrheim anzusehen.

 

Die eine Kapelle zu Ober-Rohrheim war der Heiligen Gertrud, der ehemaligen Äbtissin des Klosters Nivelles in Südbrabant geweiht. Als Tochter Pippens von Landen 626 geboren, verstarb die Heilige Jungfrau im Jahre 659. Besonders die Reisende beachteten am 17. Mai [März] ihren Gedächtnistag. Sie tranken der Jungfrau zu Ehren die Gertrudenminne.

 

In Rohrheim kamen diesem schönen Brauchtum auch die Schultheißen und. Hübner aus der nahen und weiteren Umgebung nach, die sich hier um die Mittagszeit zu einem Rug-Gericht versammelten. Man verstand unter einer solchen Gerichtsversammlung ein Thingtreffen das kleinere Wild- und Jagdbefugnisse regelte. Solche Tagungen fanden unter freiem Himmel, sehr oft bei einer Linde, statt. Der Stuhlherr, ein Kaiserl. Notar, übernahm den Vorsitz. Ihm waren Freischöffen für die Urteilsfinde beigegeben. Das Gerichtsmobiliar und Hoheitsobjekt zugleich, bestand aus dem steinernen Freistuhl und den entsprechenden Sitzbänken.

 

Ursprünglich mußte sich der Freistuhl im Gemeinschaftsbesitz mehrerer Grafen befunden haben. Dies ist aus folgendem Urkundenbericht zu entnehmen:

Fortsetzung folgt !


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Am 8. Dezember 1349 — Agnes Gräfin von Katzenellnbogen, Gerhard Graf von Ryneck, Frau Mene, dessen Hausfrau, Sara Frau von Bickenbach. verkaufen dem Probst zu Lorsch mit Wissen und Willen des Grafen Eberhard von Katzenellnbogen und Elisabeth Schenkin, seine Schwester, ihren Teil des Gerichtes zu Nieder-Rohrheim mit allen Rechten für 30 Pf. Heller.

(Urk. Dr. Bauer, IV. Band, S. 1051).

 

Aus dieser Behördennotiz ist bereits zu ersehen, daß die Gerichtsstätte in Rohrheim, im Klein-Rohrheimer Bezirk zu suchen ist. Aber auch das etwas jüngere Lorscher Weistum aus dem Jahre 1423 ist in seiner Präambel noch deutlicher und überliefert den Gerichtsort im Lorscher Vorhof, und zwar in jenem Teil, der zum prämonstratenser Orden gehörte und im Mainzer Bistum lag. Das war der Teil des Lorscher Vorhofes, oder bezeichnen wir ihn einmal mit Rohrheim, der die gesamte Klein-Rohrheimer Gemarkung ausmachte. Und wieder ist es die alte Luitra, die auch die Grenzung für den Mainzer Besitztum in Rohrheim um das 15. Jahrh. darstellte.

 

So kann es nicht wunden, wenn das alte Weistum in seiner Vorrede den Tagungsort des Lorscher Ruggerichtes zwischen das steinerne Haus und den Ziehbrunnen verlegt, zwei Ortsbenennungen, die sich auch heute noch als Wüstungen an der nördlichen und südlichen Klein-Rohrheimer Gemarkungsgrenze nachweisen lassen. Man kann diese Klein-Rohrheimer Gerichtsstätte noch deutlicher benennen, wenn man etwa in der Gemarkung zwischen dem „steinernen Haus“ und, dem „Ziehbrunnen“ die Scheitellinie festlegt. Nahe „beim Klostereck“ auf die „Geiseläcker“ möchte ich den Versammlungsort der Schultheißen und Hübner am St. Gertrudentag hinverlegen.

 

Das alte Weistum selbst erteilt Aufschlüsse über den Umfang der Lorscher Wildbannbezirke, die den nördlichen Vorhof betreffen. Es stellt das Jagdausübungsrecht fest und nennt Strafen für Wild- und Waldfrevler. An Schultheißen und Hübner als Aufsichtsorgane erteilt es Sonderrechte. Der nun folgende Urkundenbericht ist der Kirchengeschichte des Klosters und Fürstentums Lorsch von Stadtpfarrer Konrad Dahl entnommen:

Fortsetzung folgt !


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Altes Weistum über den Lorscher Wildbann

aus einem Ruggericht de ao.

1423 (Ex Archivio Satrapiae Starckenburg)

 

In Gottes Namen, Amen. Kund sei allen den, die dies dütsche Instrument in Künftigen zyten werden ansehen, hören oder lesen, daß in dem, als man zählte nach Christi geburt tusend vierhundert und drei und zwanzig Jahr im pabstum des allerheiligsten in Gott Vater und Herrn, unsers Herrn Martins von Gottes Vorsichtigkeit des fünften Pabstes in der ersten Indiction ahn dem siebenzehenden Tage des Monds Merzen, der da war St. Gertruden Tag der heil. Jungfrau zu der zwölften Horen oder gar nahe doby, in dem Vorhofe des Closters zu Lorsch ordens von prämonstratenser im Mainzer Bißtum gelegen und sonderlich züschen dem steinhuße und dem ziehbronn in demselbigen Vorhoff an dem besetzten und gehegten Hubengericht in myn offen schriebers und dieser nachgeschrieben gezeügen, die zu diesen sachen geheischen und gebetten wurden, geinwärtigkeit, und auch von diesen nachgeschriebenen schultheißen und Wildhubern des vorgenannten Hubgericht als sie dran geinwärtig zu gerichte saßen mit Namen:

 

Hamman Koch, schultheiß, Emig Beß von Waldeck, Hans von Wolfskele, Siegfried von Randecke, Heinrich von Schweinhaim, Ulein v. Breitenbach, Stephan von Ruckershausen, Cuntz Gayling, Eberhard schwende, Hene Rabenalt, Clein Hene, Cuno Alhelm, Conrad Stadtschreiber zu Bensheim, Jost Joste Sohn von Schweinhaim, Anthes Facke, Hamman Facke, Hans Unmilde, Lorenz von Schweinheim, Heinz Winkler von Breidenbach, Hans Wetzel von Nordheim, Peter groß, Peter scherer, Bruder Christian von Erbach, Bruder Peter, Bruder Hanß; item Bruder Peter und Bruder Hanß alle von schönau. Arnold Meißhe, Werner Kottler, Hamman starke, Heinichen Contze Keller sohn, Jost Hartmanns sohne von Roden; Hermann spirer, Clauß Hußel, Cuntze Odeffer Henichen Ahlheim, Michel Becker, Jost Simon, Clauß schreyer von sehem, Hans gerlach von Winheim, Hamman schnulle, schwarz Hanß, Jeckel Michel, Hamman Ulrich, Henrich Hiltebrant.

Fortsetzung folgt !


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Alle Wildhubner des Wildbannes zu Lorsch an demselben Hubgericht zu Lorsch, hießen geinwartlichen die Ehrsame und veste Herrn Conrad schnelle Pastor zu Dieburg und Keller zu Heppenheim, Diether Kemmerer, Burgkgrafe zu Starkenburg, von wegen des Ehrwürdigen in got Vater und Herrn Conrad Erzbischoffen zu Maintz, und hießen den vorgenannten Hamman Koch schultheiß, daß er den Hübner fragte, was und wie grosa da wäre der Wildbann in dem Bruch, der do gehörte gehn Lorsch; wieviel und was der Huben wären, die do in demselben Wildbann wären? dazu antwort der schultheiß und Hübner, daß ein Verzeichnis, Begriff und Zettel vorhanden, wären, do das alles verschrieben und verzeichnet inne wäre, und wie das inne hielt und lautet, daß man das also von alten Jahren hier gewiesen und gehoben hette, und fürbuß also inne wysen und halten sollte, denselben Begriff, Verzeichnis und Zettel der vorgenannten Herr Conrad, schnell Keller zu Heppenheim daselbe an dem obgenannt Hubgericht offentlichen und eigentlichen vor allem den, die da geinwartlichen sasen, von Worte zu Worte lase; der auch von Worte zu Worte herfolgete und geschrieben steht, und hebet also an:

Dies ist der Wildbann in dem Bruch, der do gehört gein Lorsch. Der geht an dem Westen Gebel ahn zu Bessingen, und geht das oberste geleist of an die Bergstraße bis an den Neckar, und zu Nuwenheim in den Neckar 3 Rudenschläge, und den Neckar wieder abe bis in den Rhyn vor Ogersheim und studernheim, eins heyset altrhyn, wieder an den Rhyn und den Rhyn wieder abe, und von Engelstat in die lachen, die heißet die Modach, und von der Modach in die Berke, und von der Berke bis in den Dornkeimer Otterstatt, und von Dornkeimer Otterstatt vor die Breidenbach of über den schafhof of zu gebenborne und von gebenborne fürter vor die Harras, hinwieder an den Westengöbel zu Bessingen..

Da inne liegend 74 Huben, der giebt jeglich 5 Unz an eine Haller dem Bischoffe von Mainz halb, und dem Grafen von Catzenelnbogen und den von Bickenbach halb und die Hübner sollen ahn St. Gertrudetag dem Bischoffe von Mainz recht sprechen zu Lorsch über den Wildbann, und welcher Hübner nit käme, und sine Hube nit verzinset als er zu recht sollte uff den Tag, do soll der Bischoff von Maintz nehmen, was die Hübner sprechen, das recht seye. Dies synd die Huben die, die soll man bennen

Fortsetzung folgt !


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Die erste ist Grißheim, Hartenau, Sehem, Urbach, Heppenheim, Winheim, Schriesheim, Virnheim, Oedickheim, Scharre, Kirschgarthausen, Lampertheim, Bürstadt, Biblos, Rorheim, Gernsheim, Bibensheim, Frenkfeld, Stockstatt, Wachsenbiblos, Schweinheim, Hußen, Keesenau, Breydenbach. Die Hübner sind nicht mehr schuldig recht zu sprechen über des Bischoffs von Mainz Wildban, dan eins im Jahr off St. Gertrudentag. Wär es aber, daß ihn der Bischoff von Mainz darinzüschen so soll er haben einen einäugigen Bude!, der soll han ein einäugiges Pferd und basten stiegleder und holzen stegreif und Hangensporn. Der soll kommen zu den Hübner auf die Wildhube in syn huß, entweder geritten oder gegangen. Wan der Bude! also kommt, als er von recht soll, so ist ihm der Hübner schuldig zu geben, was er unter dem Dache hat, und anderst nit, er soll es dann gern thun. Gebicht er ihm, als hievor geschrieben steht, so ist er schuldig :zu kommen gen Lorsch, erkäme aber nicht also, so ist er nicht schuldig zu kommen, er wolle es dann gern thun.

 

In demselben Wildban dort soll Niemand jagen oder bürsten ahn des Bischoffs von Mainz willen. wers aber, daß ein Ritter queme mit bunten Kleidern, mit einem Zobelhute, mit einem Ibenbogen, mit einer Saydensennen, (Pfeilbogen) und mit straußzahme und silbernen strahlen und mit Pfauenfedern gefiddert und einen weißen Bracken ahn ein sydenseil mit bestrafften. ohren, den soll man fördern zu syne deigelt (Anstand zum Jagen) und soll ihn nit hindern. Wäre aber Jemand anders, der darinn jagte, ane das Bischoffs Laube von Mainz und fienge der ein Hirsch, der ist schuldig für den Hirsch drei Pfund Pünischer Penninge und einen zindelstin Ochsen, mit offrichten Hörnern, und eine Hinde, eine Kuhe und 3 Pfund des vorgenannten geldes dazu; und für ein Rehe eine geyß und 3 Pfund des vorgenannten Geldes; vor ein Bock ein Bock (für ein Reh- ein Geißbock und des vorgenannten Geldes 3 Pfund dazu; und vor ein Baummeyse (Wildhuhn) eine hubenrechte Henne mit 12 Hinkeln und 3 Pfund Pfündischer Penninge dazu.

Fortsetzung folgt !


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Ine, wan der Hübner rüget uff die Wahrheit, als hie vorgeschrieben steht off den Eyd an St. Gertrudentag, der ist schuldig als hie vorgeschrieben ist; wär es auch, daß man einen Druher begriffe an wahrer thate, dem soll man die Hand abschlagen, und dem Stricker die Daumen. Wär es auch, daß ein Hübner rüget uff die Wahrheit, und das man wollte leucken, so soll dem der gerügt ist, sine dumen binden zu einander, und soll ihm einen Knebel durch die Pein stoßen, und soll ihn in eine Meisse Büden voll Wasser werfen, schwimmt er darüber off dem Wasser, so ist er unschuldig, fellt er aber unter so ist er aber schuldig; rüget ihn aber der Hübner vor dem Lun nit, so soll er sin Unschuld darvorthun.

 

Wär es auch, daß man einen Eschenbrenner, oder einen, der den Wald brennte, begriffe, den soll man nehmen, und soll in eine Wanne binden, und soll ihn setzen gemeiner fuhren, do sollen ain Fuder Holz ahnsin, und soll ihn setzen neun Schuhe von dem Feuer barfuß, und soll ihn lassen sitzen, biß ihme die Sohlen von den Füßen fallen; und wärs auch, daß man rothe in dem Wildbahn, das sollen die vorgenannten Herrn wehren, also daß es nit mehr geschehe. Auch sollen die Wildhübner Echten zu essen geben, Biern von des Bischoffs wegen zu Mainz, und Biern von des Grafen wegen, und von den von Bickenbach wegen, nit dan einmalen bescheidentlich off St. Gertrudentag, als sie Recht in Lorsch sollen sprechen, als das auch von alter Recht und Gewohnheit ist gewest.

 

Auch hant dieselben Hübner das Recht, das sie, oder wer uff derselben Huben sitzet, von ihretwegen keinen Dienst oder keine Bede (Abgabe) sollen thun noch zinsen, dann das sie andere Güther arbeiten oder machen. Wärs auch, daß jemand off denselben Huben frevelte, der soll es den  Hübnern verbüßen. Was er auch off den Huben erzeiht an Viehe, das soll dahin freye gehen in den Wald, und soll auch der Hübner an der Mielbacher hawen einen Baum, der ungekerbt in die Rung gehe, und soll auch han zween Hunde ane Windte, was er damit fehet, das ist sin Recht. Wäre. es, daß der Hübner einer also reich würde off der Wildhube, und daß er darauf arbeithe, das er einen schalden mögte geladen, der soll frei gehen bis in den sehe, als ferre man einen rothen Schilden mag gesehen.

Fortsetzung folgt !


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Wer auch den Hübner abbricht an denselben sachen, so sollen sie erklagen  den Herrn, richten sie ihn das, das ist gut, gestehen ihn das nit, so sollen sie ihm den zinß als lange ine han, bis das ihm Recht widerfährt. Und wer eine Hube erbaumt, der soll dem Herrn zweyfaltige Zins geben, und den Hübnern ein Eymer Wins des besten, der do feil ist, und 12 Braten, die jedweder seiht ein Faust hoch öber die schüsseln geän, und vier scheinbrod mit acht zippen.

 

(Auszugsweise entnommen. Die Schriftrolle hat an Unterschriften und Siegel die vorgenannten Zeugen, sowie die Signatura Notarii des Bertholdus Myme, Priester aus der Wormser Diözese und Kaiserlichen öffentlichen Notärs)

 

 

Rohrheimer Wildhübner:

(Auszüge aus einem alten Kopialbuche die Lehen der Bergstraße betr. von

1420 bis 1461)

„It die güther die Hans Schöffer vo ihm hat zu Kefferthal und zu Wattenheim. lt ein halb Wildhub zu Gernsheim, die Rusche sel, gehabt, und das hat Heinrich von Staynheim, 1435.“

 

Nach Dahl bestand Klein-Rohrheim ehemals aus 6 Höfen oder Huben, mit den dazu gehörigen Hubengütern. Hiervon besaß das Kloster und; nachher die Oberschaffnerei Lorsch 2 Höfe, welche stets die Oberhöfe hießen; zwei andere waren im Gemeinschaftsbesitz einiger adliger Familien und die zwei letzten Höfe im Besitz der Familie von Wambold. In der Folge wurden die zwei Oberhöfe zu vier Halbhuben geteilt. Ebenso war auch im 15 ten Jh. ein Haupthof des Klosters Lorsch zu Klein-Rohrheim, dessen Hübner das Recht hatten, dem Hubengericht beizusitzen. In einem älteren Jurisdictional-Protokoll des Amtes Starkenburg von 1618 kommen folgende Sätze vor: „Wan ein Gemeindtsman zu Kleinrorheim uffgenommen würdt, muß er zuvorderst dem Closter Lorsch und demnach den mitbegütherten Junkherrn von Frankenstein, Flerßheim, Rodenstein und Hirschhorn geloben und schweren. Imgleichen wan ein Schultheiß. uffgenomnien wird. Die hohe zentliche Obrigkeit stehet dem Kloster, Lorsch allein zu; jedoch haben die Junkherrn einen Teil an Freveln, Bußen, wildpreth.“

Fortsetzung folgt !

 

Berichtigung:                   Seite 18 St. Gertrudentag am 17. März.


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Von den Prämonstratenser zu Nieder-Rohrheim

Das alte Weistum über den Lorscher Wildbann zeigte, daß in der Gemarkung zu Nieder-Rohrheim der kath. Orden der Prämonstratenser beheimatet war. Sie wurden ihrem Stifter zu Ehren auch als Norbertiner bekannt.

In Xanten um das Jahr 1085 geboren, nahm der religiöse Glaubensstreiter Norbert seit 1118 den Pilgerstab und zog als Bußprediger in Deutschland und Frankreich umher, woselbst er im Jahre 1121 in Prémontré (zwischen Reims — Laon) seinen geistlichen Orden gründete. Neben den Klostergenossenschaften der Männer, die sich für die Besiedlung und wirtschaftliche Erschließung ungenutzter Landgeb. in Nordostdeutschland verdient machten, gab es auch einen weiblichen Zweig für die Jugenderziehung. Die Gemeinschaften lebten nach dem Schrifttum und den Gebetsregeln des heiligen Augustinus, wie dies noch im Reformationszeitalter auch die Mönche Martin Luther und sein Gönner, ein Prof. der Theologie in Wittenberg, Johann von Staupitz, taten. Das Ordenskleid der Norbertiner war dem der Augustiner ähnlich, in weißer Farbe gehalten. Seit 1126 wurde der erste Generalabt der Prämonstratenser als Erzbischof auch oberster Träger der Kirchenmacht in Sachsen, wo er in Magdeburg aus einem tatenreichen und. verdienstvollen Leben im Jahre 1134 verschied. Der Papst nahm den Erzbischof nach seinem Tode feierlich in die Zahl der Seligen auf. Seitdem wird der heilige Norbert im kath. Gotteshaus öffentlich verehrt und angerufen. Sein Gedächtnistag ist der 6. Juni.

Es war im Jahre 1752 als neben einem aus Messing .gearbeiteten Löffelchen auch ein Petschaft, dessen Stempelplatte mit dem Wappenbild der Prämonstratenser versehen war, gefunden wurde. Dieses Bildnissiegel war von ovaler Form und zeigte einen sitzenden Abt mit dem Krummstab in der rechten, und dem Buche in der linken Hand. Die Umschriftung der Druck-fläche lautet: „Sigilium abbatis premonstratensis.“ Die Herstellung der Siegel lag im Mittelalter in den Händen der Goldschmiede, die sie sehr kunstvoll entwickelten. Unter der Obhut eines besonderen Beamten, dem -Siegelbewahrer, wurden sie verwaltet. Im alten Deutschen Reich war Siegelbewahrer der Kurfürst von Mainz als Erzkanzler. Auch das hier beschriebene Petschaft aus dem ehemaligen Vorhof des Klosters zu Lorsch soll nach Mainz gekommen sein.

Fortsetzung folgt !


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Der Fundort dieser Gegenstände ist im Vernehmungsprotokoll eines Pferdehirten auf den „Lorscher Weiden“ angegeben, eine allgemeine Flurbenennung, die man überall da finden kann, wo Wildbanne des Klosters zu Lorsch gewesen sind. Denn diese Feldteile bestanden nicht allein aus Ackerland und Forsten, sondern auch Fischwasser und Weidegänge gehörten in den Machtbereich des Fürstenhofes zu Lorsch. Es wäre daher nicht möglich diese Kirchengeräte als Fundsachen in der Gemarkung Klein-Rohrheim nachzuweisen, wenn nicht noch andere Merkmale für die in Wüstungen liegende Klostergebäude im alten Königshofe Rora sprechen würden.

 

So wurde bereits einleitend angeführt, daß die Prämonstratenser sich in Rora minor oder R.- inferior, wie die Frühgeschichte Klein-Rohrheim bezeichnet, urkundlich nachweisen lassen. Die Bodenverhältnisse bei der Totenkapelle, aus der Gegenstände entnommen wurden, sind ein Jahrhundert später von Hofrat Fr. Koffer, der das Klein-Rohrheimer Gräberfeld beschrieb, ebenso als gestörte und in Sandlagen befindliche Beerdigungsstätten angegeben worden. Dieser alte und vergessene Friedhof war aber selbst ein Bestandteil eines Lorscher Wildbannes in Rohrheim. Die verlängerte Klein-Rohrheimer Dorfstraße heißt der „Kappelweg“ und liegt in Richtung zu dem hier benannten Kirchhofe; Flurnamen erzählen von der „großen-“ und der „kleinen Kappel“. Der Vernehmungsort des Hirten lag etwa eine 3/4 Stunde von der Pferdehürde entfernt. Audi diese Wegstrecke kann mit den Verwaltungsdienststellen beim Amt des früheren Oberschultheißen von Rohrheim in Jägersburg übereinstimmen.

 

Hieraus ist zu erkennen, daß eine entsprechende Begründung für die Aufnahme des nun folgenden Behördenschriftstückes aus dem Jahre 1753 in die Rohrheimer Urkunden gegeben ist. Es wurde auszugsweise der Geschichte des Klosters und Fürstentums zu Lorsch von Stadtpfarrer Dahl entnommen:

 

Nachdem durch einen Gerichtsverwandten zu Lorsch bei Amte die Anzeige geschehen, was gestalten auf der Lorscher pferdweyd in dem pferg an dem Hirtenhaus ein steinerner sarg, worinnen 2 Cörper gelegen, gefunden, und nebst diesen annoch verschiedene Todenbein an diesem Orte wahrgenommen worden wären, wurde der pferdehirt anheut vorcitiret, welcher sich dann dahin vernehmen ließ,

Fortsetzung folgt !


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daß sein bereits vor 35 Jahren verstorbener Vater, ebenfalls pferdhirt zu Lorsch in einer Zeit nachts um 11 Uhr wahrgenommen hatte, daß in dem Hirtenhaus Lichter brenneten, darin ein priester angekleidet wie am altar stünde, diesem hätte er einsweilen und so lange zugesehen, bis derselbe sich herumgewendet, welcher Augen gleich einer Fensterscheibe gehabt, worüber sein Vater erschrocken und davon gelaufen wäre. Bey angebrochenem Tage sey sein Vater in das Hirtenhaus hineingegangen und hätte dahier (beim Amte vorliegende) produzierte kleine Löffelchen gefunden. (Es soll sich im Darmstädter Archiv befinden). Er Constitut . . . . habe im letztverflossenen Jahr (1752) bei dem Hirtenhaus auf der Erde ein messinges Pettschaft      gelegener gesehen, welches er sofort aufgehoben, und mit sich genommen hätte. Auch habe sich im pferg onlängst ein altes plaster geäußert, worinnen die Buben altes dickes Fensterblei gefunden, und als sein des Hirten Bub dieserhalb weiter nachgescharrt, hätte derselbe einen steinernen Sarg gefunden, den er, der Vater aufgeraumt, und zwei todten cörber mit allem gebein, jedoch zusammengefallener darinnen gefunden, und wahrgenommen habe, daß der eine mit dem Kopf oben, der mit dem Kopf unten gelegen seye. Als er den sand weiter hinweggeschöpft, hätten sich noch 12 zusammengefallene Todtencörper vorgefunden. Schließlich wolle er sich erinnern, daß vor etlichen Jahren das ganze Hirtenhäuschen zu winterzeith und zwar stockensteif durch schatzgräber herumgegraben worden seye; wer solche aber gewesen und ob sie etwas darin gefunden, seye unbekanndt.

 

 

Die Legende vom großen Hund

Das alte Totenfeld war längst vergessen und immer noch zeigte sich dort den frühen Passanten die geisterhafte Gestalt eines großen Hundes. Erst um die letzte Jahrhundertwende trat der Spuk seltener auf, bis er endlich. mit der Melioration und Beseitigung des „Klein-Rohrheimer Loches“ ganz verschwand. So wird die Begegnung mit dem großen Hund sehr selten noch als Jugenderlebnis erzählt.

Über den Aufenthalt dieser wilden Dogge konnte kein Mensch so recht eine Erklärung geben.

Fortsetzung folgt !


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Wer wollte auch mit dem fast kalbsgroßen Hund eine Bekanntschaft machen In nächtlicher Zeit kam er in Gestalt einer feuerigen Kugel, aber bei Tagesanbruch sah man schon sein graues Fell ganz deutlich. Der Weg, den dieser ruhelose Geselle trappte, verlief immer in der gleichen Richtung. Entweder schlüpfte er aus dem Holundergestrüpp neben dem Wasserloch hervor und überquerte die Schaussee, wo er in den Hecken beim Grenzgraben verschwand und seinen Weg in die Wildhub fortsetzte, oder man sah ihn über den Damm laufen und in den Bruchweiden verschwinden. Dann heulte das geplagte Tier noch weit hinter der Büttelsfahrt an der ganzen bösen Dein entlang.

 

Geroldsheim:

eine Rohrheimer Wüstung erzählt aus ihrer Frühgeschichte.

Siedlungsstätten, die durch Kriegseinwirkungen oder Katastrophen [aufgegeben] wurden, werden als Wüstungen bezeichnet. Solche erloschene Orte sind sehr häufig im 13. und 14. Jahrhundert entstanden. In der Gemarkung Rohrheim erinnern besonders viele Flurnamen an sie.

Als eine der bedeutendsten Wüstung ist das Hofhaus Gerolds, Grols, Graels auch Geroldsheim, wie man aus Urkunden diesen Ortsnamen zu lesen vermag, anzusehen. Der Grundstein zu diesen steinernen Häusern mag mit aller Wahrscheinlichkeit bereits unter der römischen Besatzung zur Zeit des Kaisers Publius Älius Hadrian (117— 138 n. Chr.) gelegt worden sein. Gerolds lag zentral mit gleichmäßigen Entfernungen zur steinernen Tür (Flurname: Seindörr), sowie zu den Höfen Superior- und Inferior-Rohrheim, (Groß- und Klein-Rohrheim.)

Eine bessere Ortsbeschreibung überliefert das „Gültbuch des Amtes Tannen-berg“ um das Jahr 1400 des Grafen Hans Schenk zu Erbach. Hierin zeigte dieser Burgmann von seiner Gasse in Ober-Rohrheim den Weg: „nach außen in das Bruch“ bei der nahen Landesgrenze, „und inwendig auf die Hofstatt hin“, der Parzelle —Schenkisch Ruh —‚ in den Raum der „alten Burg“ (Jägersburg). Endlich nennt er, statt der Himmelsgegenden, den erloschenen Ort Kelre oder Keller Auwe „an der Windmühle“ und den Gassenstücker auf dem Arfeld, sodaß in entgegengesetzter Richtung „an der Windmühle“ bei dem „Entenweg“, der gesuchte Palasthof Gerolds sich als Wüstung nachweist.

Fortsetzung folgt !


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Die Gemarkungsnamen führen ebenso auf diese Wüstung. So ist unter den Dialektausdrücken „Entenweg“ und „Entenbaum“ ursprünglich ein Entree Weg bzw. Entree Baum zu verstehen. Es waren Eingänge vom Wittum bei der „Kirchbein“ und der Speyergasse von Ober-Rohrheim her, während der Entree Baum bei der „altsteinernen Straße“ stand. (Diese Bezeichnungen franz. Herkunft durften sich mit dem dabeiliegenden „Poschengarten“ erst im 17. Jahrhundert in der Gemarkung eingeführt haben.) Neben dem Weg von Speyer über die „Kirchbein“ in Ober-Rohrheim, traf der „Bensheimer Weg“ über „die Kaplanei“  die „Büttelsfurt" vom Rheinstrom, der „Gernsheimer Weg“ vom Fronhof Jägersburg über die „Steinstraße“ auf das Wegekreuz der heutigen Wüstung Geroldsheim.

Sprachlich ist Geroldsheim auf einen männlichen Amtsnamen zu deuten, den Gerold oder Speerwalter, der gleich dem Herold im Mittelalter ein Diener der kaiserlichen Obrigkeit war. Aus Urkunden berichten die Werke Dr. Ludwig Bauer aus den Jahren 1282, 1297, 1303 und 1338. Scriba liefert eine Mitteilung unter der Nr.: 6064, Dahl nennt Geroldshof in seiner Gernsheimer Amtsbeschreibung.

Rekonstruiert man zu dieser Betrachtung die vielen kleinen Wüstungen um das Geroldshaus, so erhält man eine Vorstellung von seiner frühgeschichtlichen Bedeutung. Da stand jenseits über dem Klein-Rohrheimer Grenzgraben die große und kleine Kapelle mit dem Kirchhofe auf dem heutigen Bruchacker, während sich auf der Groß-Rohrheimer Seite die Kaplanei und der Schindbaum mit dem Herrensitz zeigte. Der Schindbaum oder auch Schindbaumel genannt, war ein turmhohes Schrankhaus, in dem die Geständnisse der Beschuldigten erzwungen wurden.

Aus den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung läßt sich östl. von Gerolds, bei der Flur „in der Eyk“, ein Eichenhain unserer germanischen Vorfahren deuten. So kann man aus alten Parzellenkarten noch gut erkennen, wie die Grabengrenzung Luitra, diese Waldung mit dem Altar des Heidentums verachtend umlief, um die Rohrheimer Donar-Eiche aus dem klösterl. Rara zu entklammern, während sich der Flurname im Vorhofe des Klosters zu Lorsch bis zum heutigen Tage erhielt.

Fortsetzung folgt !


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Der alte Germanengott Donar oder Thor war der kräftigste Mann in der Gottvorstellung der Urväter. Ihm war die Eheschließung anvertraut. Sein Hammerschlag bewirkte die Fruchtbarkeit unter den Lebewesen, daher bekam er von seinen Anhängern einen Wochentag geweiht. Im Bilde zeigt er sich mit einem sehr langen Bart.

Wer denkt hierbei nicht an die Langobarden, die von Gotland kamen und zunächst links der Unterelbe ansässig waren ?

Anfangs des 4. Jahrh. zogen sie nach Süden, besetzten uni 490 Niederösterreich, um 500 die ungarische Tiefebene zwischen der Theiß und der Donau und zerstörten um 505 das Reich der Heruler. Im Jahre 546 siedelten die Langobarden nach Westungarn über, vernichteten 567 das Reich der Gepiden und brachen unter König Aloin im Jahre 568 in das damalige Byzantinische Italien ein, wo sie die Lombardei eroberten. Ursprünglich bekannten sie sich zum arianischen Christentum. Erst unter König Agiluf (gest. 616) fand der Katholizismus Eingang und die Verschmelzung mit den Römern begünstigte sich. Zunächst erhielt noch der Staat sein germanisches Wesen bis im Zeitlauf von 300 Jahren die Sprache im Lateinischen aufging. Das zuerst von König Rothari lateinisch aufgezeichnete Langobardische Recht galt für beide Nationen. Unter dem König Luitprand (712 - 744) wurde das Langobardische Reich auf den Gipfel seiner Macht geführt. Aistulf (749 - 757) eroberte Ravenna und bedrohte Rom. Er wurde aber erst von dem Frankenkönig Pippin 754 und 756 gezwungen, seine Eroberungen herauszugeben. Sein Nachfolger Desiderius wurde 774 von Karl dem Großen besiegt.

So erfahren wir aus jener Zeit, es war im Jahre 786, wie die Äbtissin von Rotaha, Abba, ihre Güter „in pago Noynacgowe in marcha Raodora, den Ort Niwenhof super flurium Rodaha, in locis muncupatis Bellingura marcha,. (wahrscheinlich die Hammerau), Caspense und Walenesheim“ dem Kloster zu Lorsch schenkte.

Als Winfrid, er wurde auch Bonifatius der Deutschen genannt, anfangs des 8. Jahrh. unter dem Heidentum sichtbare Aufbauarbeit an der christl. Kirche  leistete, war ihm die Villa Gerolds wohlbekannt. Ertrug das Ordenskleid eines Benediktiners und sah mit seinem Krummstabe ähnlich aus, wie das erste Rohrheimer Wappenbild, das durch schlechte Hände im Staatsarchiv Speyer verloren ging.

Fortsetzung folgt !


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Im Jahre 738 wurde Bonifatius als Erzbischof auch Bevollmächtigter des Papstes und bekam die Aufsicht über die gesamtdeutsche Christenwelt.

 

Ein getreuer Gefolgsmann und Zeitgenosse des heiligen Bonifatius war der mit dem Palasthof Gerolds namensverwandte Bischof Gerold zu Mainz. Sein Bistum läßt sich in späteren Jahrhunderten bis an die Schwelle von Geroldsheim nachweisen. Der Bischof zog in den Krieg gegen die Sachsen und verlor sein Leben in einer Schlacht.

 

Es dauerte noch über hundert Jahre bis der sächsische Stammesstaat durch die Franken erobert werden konnte. Und von dem König der Franken, Karl dem Großen, erfährt man, daß er den Frieden mit dem aufständigen Germanengau (782) mit der Hinrichtung von 4500 Geiseln bei Verden a. d. Aller besiegelte. Drei Jahre danach nahm der Führer der Sachsen durch die Taufe den christl. Glauben an, aber die Geschichte kann in der Folge nichts mehr von ihm erzählen. Karl's Hauptquartier war unter anderen die Feste Rara zu Geroldsheim. Sie erlebte gerade während seiner Regierungszeit einen großen Aufschwung, wie das viele Schenkungen an das Kloster zu Lorsch bezeugen. Im Jahre 773 wurde auch die Kirche zu Geroldsheim dem dabeiliegenden Kloster zu Lorsch übergeben.

 

Der dritte Sohn Karl des Großen war Ludwig der Fromme. Er wurde 778 geboren und verstarb auf einer Rheininsel zu Mainz. Seit dem Jahre 813 wurde er von seinem Vater zum Mitregenten ernannt, teilte das Frankenreich unter seine Söhne Lothar, Pippin und Ludwig, veranlaßte durch nochmalige Teilung (829) zugunsten seines Sohnes Karl aus zweiter Ehe eine Empörung seiner Söhne aus erster Ehe und unterlag infolge des Abfalles seines Heeres 833 auf dem „Lügenfeld“ bei Colmar; er wurde nach Soissons ins Kloster gebracht, von seinen beiden jüngeren Söhnen aber bald wieder in die Herrschaft eingesetzt. 837 verständigte sich Ludwig mit seinem .ältesten Sohn Lothar zu einer Teilung. Die Söhne Lothar, Ludwig und Karl teilten das väterl. Reich im Vertrag von Verdun (843); als Kaiser folgte Lothar I.

Fortsetzung folgt !


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Ein Sohn Ludwig des Frommen war der Ostfränkische König Ludwig der Deutsche. Um 804 zu Frankfurt am Main geboren, erhielt er bei der ersten Reichsteilung (817) Bayern, nötigte nach dem Tode seines Vaters im Bund mit Karl dem Kahlen seinen Bruder Lothar I. zum Vertrag von Verdun (843), wodurch Ludwig die Lande östlich vom Rhein und Aare erhielt. Noch dem Tode Lothars II. zwang Ludwig der Deutsche den französischen König Karl den Kahlen zur Teilung Lothringens im Vertrag von Mersen (9. August 870). Als Kaiser Ludwig II. gestorben war, siegte Karl der Kahle bei der Bewerbung um die Kaiserkrone. Ludwig der Deutsche starb während der Rüstung gegen ihn und wurde im Kloster zu Lorsch beigesetzt.

Der zweite Sohn von Ludwig dem Deutschen war Ludwig der III. Zu Frankfurt am Main am 20. Januar 882 geboren, erhielt er während seiner Regentschaft Thüringen, Franken u. Sachsen mit den tributpflichtigen Grenzvölkern. Er schlug Karl den Kahlen, der das ganze Lothringen zu erobern hoffte, bei Andernach am 8. Oktober 876, gewann 879 Bayern und im Vertrag von Ribemont (880) den Rest Lothringens. Seine Gemahlin hieß Luitgard. Als der König im Jahr 882 zu Frankfurt gestorben war, wurde er nach dem Kloster Lorsch überführt und mit großer Anteilnahme begraben. Die Kapelle ließ Ludwig III. als Ruhestätte selbst erbauen und nannte sie Varia.

Als tatkräftiger Enkel Ludwigs des Deutschen und Sohn des Königs Karl III. bewährte sich Arnulf von Kärnten. Sein Vater, Karl, war 839 geboren und starb am 13. Januar 888.

Fortsetzung folgt !


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Karl der Dicke erhielt 865 bei der Reichsteilung Alemanien als Königsreich zugewiesen, erbte 879 Italien und ganz Deutschland und wurde 881 zum Kaiser gekrönt. Zum letzten Male seit Karl dem Großen wurde 885 auch Karl zum König von Frankreich gewählt, mußte aber im Kampf gegen die Normannen 886 Frankreich wieder räumen.

Nun wurde Arnulf, Markgraf von Kärnten, 867 König. Es gelang ihm bei Löwen an der Dijle die Normannen schwer zu treffen. Zwar waren die Wikinger, wie die Geschichte sie auch nennt, im folgenden Jahre nocheinmal angerückt, aber mit dem Sieg von Löwen war der Höhepunkt dieser Gefahr vorbei. So hatte auch der König Arnulf im Grenzkampf gegen die Slaven rühmliche Erfolge und konnte sein Reich im Südosten halten. In den Jahren 894 und 895 zog er nach Italien und wurde 896 in Rom zum Kaiser gekrönt.

Aus dem Geschichtswerk des Klosters zu Lorsch von Stadtpfarrer Dahl erfährt man aus nämlicher Zeit von dem Kaiser Arnulf „zu Gernsheim“. Unter der Bezeichnung „zu Gernsheim“ ist die Wüstung Geroldsheim zu verstehen, wie sich dies im Laufe dieser Fortsetzung ergeben wird. So schenkt um das Jahr 896 der Bischof Adalbero von Augsburg alles dasjenige, was er von Kaiser Arnulf zu Geroldsheim bekommen hatte, mit allem zugehör in Geroldsheim selbs, und den umliegenden Weilern, Höfen, Gütern, Gebäulichkeiten aller Art, Leibeigene, behält sich dieses alles nicht allein als Prekarie zum lebenslänglichen Genuß vor, sondern auch über die kleine Kirche innerhalb der Klostermauern gelegen, mit den dazugehörigen Wohnungen, Wiesen und Gärten.

Fortsetzung folgt !


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Weiteres auch noch über die Ortschaften Weinheim, Birkenau, Gunnenbach, Liebersbach, Lauternheim, wie auch Sarra und Bibiloz (Biblis) mit Kirchen, Gebräuchlichkeiten, Leibeigene, Äckern, Wiesen, Weinberge. Das Kloster zu Lorsch erhielt von Arnulf das Recht seit dem Jahre 896 den Abt wieder künftig selbst wählen zu dürfen.

Ein Sohn Arnulfs von Kärnten war Ludwig IV. Er wurde 893 geboren und stand unter der Vormundschaft Erzbischof Hattos von Mainz und dem Bischof Salomons von Konstanz. Die Geschichte nennt ihn das Kind.

Aus dem altsächs. Adelgeschlecht der Liudolfinger wurden die deutschen Könige und Kaiser Heinrich I., Otto der Große, Otto II., Otto III. und Heinrich der II. gestellt. Auch sie hat das alte Rohrheim mit ein paar Geschichtsdaten festgehalten.

Als am 7. Mai 973 Otto der Große verstarb, folgte ihm sein Sohn Otto II. auf den Königsthron. Mit der byzantin. Prinzessin Theophano verheiratet, waren die ersten Jahren seiner Regierung gehemmt durch die Gegnerschaft seines bayerischen Vetters Herzog Heinrich II., der die eifersüchtigen Machtkämpfe um die Krone wie auch die ältere Verwandtschaftslinie mit der gleichen Rücksichtslosigkeit wieder aufnahm. Ein leiblicher Bruder des Königs Otto II. war der Erzbischof Bruno zu Köln. Es resignierte die abteiliche Würde des Klosters zu Lorsch. Ihm folgte der Abt Gerbodo zu Lorsch, der vom König die Erlaubnis erhielt, zu Bensheim einen Jahrmarkt abzuhalten. (Hierunter kann ebenso Rohrheim verstanden werden). In den folgenden Jahren brachen gegen die Sarazenen und Byzantiner in Unteritalien schwere Kämpfe aus.

Fortsetzung folgt !


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Kurz nach der Niederlage im Jahre 982 bei Cotrone starb Otto II. an einer Unterleibsentzündung. Er wurde in Rom beigesetzt. Im Jahre seines Todes vernichtete ein großer Sklavenaufstand fast alle deutschen Besitzungen östlich der Elbe.

Otto's II. Sohn war als Dreijähriger König geworden. Er befand sich in der Obhut des Erzbischofs von Köln, dem Onkel des Kindes, während die Königsmutter Staatsgeschäfte in Italien erledigte. In dieser Reise sah Herzog Ludwig „der Zänker“ die Möglichkeit gegeben, die Königsmacht an sich zu reißen. Während er seinen jungen Verwandten, den unmündigen Otto III. zwangsweise entführte, plante er für den bevorstehenden Reichstag zu Rara, gestützt von seinen fürstlichen Freunden, die Vorbereitung zur Königswahl. Auf den Palasthöfen zu Geroldsheim, dem Palatium Rara, war man jedoch einer anderen Meinung. An der Spitze stand des Herzogs Widersacher, der Erzbischof von Mainz. Er handelte ebenso schnell, schickte Boten nach Rom um die Königsmutter Theophano, die kaiserl. Großmutter Adelheid, umgehend nach Rara zu bestellen. Auch der König von Burgund, ein Bruder von Theophano, die Tochter Mathilde, ein Äbtissin von Quedlinburg, der Herzog von Schwaben, der Sachsenherzog Hermann Billing, der Bischof Thitmar von Merseburg, der auch diese Geschichte überlieferte, und viele andere hohe weltl. und geistl. Persönlichkeiten waren rechtzeitig zur Reichsversammlung in Rara erschienen.

Feste Rara war die „alte Burg“, ein Herrensitz der fränk. Kaiser und Könige. Als im Jahre 1064 der Abt Ulrich zu Lorsch auf dem Berg „Burkhelden" über der Stadt Heppenheim mit dem Bau der Starkenburg begann, verlor die Königsanlage zu Geroldsheim an Bedeutung.

Fortsetzung folgt !


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Zu diesem Königshof in Geroldsheim gehörten in den Jahren 830 bis 850 lt. dem Lorscher Reichsurbar 93 Morgen Feld in Langwaden, 40 Morgen in Rohrheim und 41 Morgen in Wasserbiblos. In späteren Jahrhunderten wird die alte Burg zu Geroldsheim als Jagdschloß der Landgrafen von Hessen bekannt. Im Jahre 1739 starb Landgraf Ernst Ludwig in der im Jahre 1609 erbauten Jägersburg.

Ein ähnliches Schicksal erlitt das dabeiliegende Reichskloster, das im Schrifttum als das Kloster „zu Lorsch“ bekannt wurde. Diese Abtei gehörte zum Bensheimer Landkapitel. Nach den Jahren 1232 wurde es ein Erzpriestersitz zu Geroldsheim. Der zu diesem Stift gehörige Bauernhof lag bei der „Kirchbein“ in Ober-Rohrheim.

Am Tage des Reichstages stand das Kloster, 6 km von dem Dorfe Lorsch entfernt, im Glanze einer jahrhundertalten Tradition. Schon im Jahre 806 ließ der Abt Adelung, aus fürstl. Herkunft, den Altar der Hauptkirche mit silbernen Platten auf beiden Seiten überziehen und einfassen. Auch die übrigen Altäre: zum heiligen Kreuz, zum Johann, zur Mutter Gottes und zum heiligen Peter wurden sehr verschönert. In jener Zeit wurde auch ein goldenes Kreuz angeschafft, das an Schönheit, Größe und Kostbarkeit alles übertraf. Der Hauptaltar in der Pfarrkirche war dem heiligen Nazarius geweiht, eine Persönlichkeit der alten Kirche, dessen Namen an eine strengchristl. Glaubensrichtung des 2. Jh. erinnert; in die Zeit der Christenverfolgung, die erst unter Konstantin d. Gr. im Jahre 313 aufgehört hatte. Der Abt Drutmar zu Lorsch verfaßte um 877 eine Lobrede mit Gesang auf den heiligen Nazarius.

Für den Bischof Willigis von Mainz war es anfangs nicht leicht vor dem Reichsthing gegen den Bayern-Herzog Heinrich II. zu sprechen um den Königsknaben die Krone zu erhalten.

Fortsetzung folgt !


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Das Land war durch die Niederlagen politisch sehr gespalten. Nur langsam löste sich auf dem Reichstag das Vertrauen aus der fürstl. Gefolgschaft des Königsverwandten Herzogs. Man ermahnte ihn bei seiner Ehre das Versprechen wahr zu machen, das er vor Wochen auf den Bürstädter Wiesen gegeben hatte, nämlich das Kind der Mutter wieder zu übergeben, aber noch war der Zänker dazu nicht bereit.

Über der Reichsversammlung lag die drückende Schwüle des warmen Sommerwetters. Der 29. Juni 984 war ein wolkenverhangener Tag. Ober den Nußbäumen grüßte der Dachreiter der nahen Abtei. Das 12 Uhr Geläute verkündete gerade den .Anfang des Nachmittags. Da brach plötzlich die Sonne aus einer Wolkenlücke und traf mit ihren ersten Strahlen den Turmhelm der alten Gnadenkapelle zu Rara. Eine vieltausendköpfige Volksmenge hielt den Atem an. In erhabenem Golde leuchtete das Kreuz des heiligen Vaters von der Turmspitze, untermalt von einem silbernen Sternenglanz der kostbaren Dachziegel des verehrungswürdigen Jahrhunderte alten Gotteshauses. Er hatte sich minutenlang unter feierl. Glockengeläute in ein Zeichen des Himmels verwandelt. Das Volk sah hierin einen Urteilsspruch für das Recht des Königsknaben auf die Krone seiner Väter. So mußte auch der Herzog erkennen, daß ihm der Anspruch auf die Staatsführung des Reiches versagt blieb. Im Siegeszug wurde König Otto III. in den nahen Königsbau begleitet.

Noch bis zum 15. 6. 991 stand Otto unter der Vormundschaft seiner Mutter. Da starb unerwartet die byzantin. Kaisertochter Theophano. Nun wurde die Regentschaft von seiner Großmutter, der Kaiserin Adelheid, übernommen. Die berühmt gewordene Adelheid war die Tochter Rudolf II. von Burgund.

Fortsetzung folgt !


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Sie wurde im Jahre 947 mit dem König Lothar von Italien vermählt und nach dessen Tode (950) von dem Nachfolger König Berengar II. gefangengehalten. Während der Kuratel rief die Königin Otto den Großen zur Hilfe, der sich auf seinem ersten ital. Feldzug 951 mit ihr vermählte. Ihr Enkel Otto III. wurde 996 zum Kaiser gekrönt, drei Jahre danach, am 16. Dezember 999, verstarb die spätere heilige Adelheid. Ottos III. Regierung ging vor allem in den Kämpfen um Rom auf. Durch die Stiftung des poln. Erzbistums Gnesen im Jahre 1000 schwächte er den deutschen Einfluß im Osten. In Paterno (bei Viterbo) am 23. Januar 1002 verstorben, wurde er in Aachen beigesetzt.

Das Stift zu Geroldsheim unterstand z. Zt. Otto III. dem Bischof Saleman von Worms. Die Geschichte stellte diesem Geistlichen ein sehr belobigendes Zeugnis aus. So schrieb er drei Bände über Sittenlehre (moralia in tribus voluminibus complevit), soll aber im Alter bei dem König in Ungnade gefallen sein. Im Jahre 987 wurden den Dörfern Wiesloch und Stein a. Rh., die beide klostereigen waren, Berechtigungen für die Abhaltung von Jahrmärkten erteilt. Nach dem Abt Saleman folgten Wernher II. und danach der Abt Gerold. Unter Gerold zu Lorsch, der später Bischof von Speyer wurde, ist am 25. Oktober 1053 von dem deutschen Papst Leo IX. die Begräbniskirche Varia geweiht worden.

Trotz dem Besuche des heiligen Vaters verlor aber in den späteren Jahrzehnten die heutige Wüstung Geroldsheim mit ihrer alten Burg , an Bedeutung. Mit unbegrenztem Eifer fingen die Burgmänner des Klosters damit an, die Starkenburg in Heppenheim zu erstellen, die dem Fortschritt der Kriegstechnik besser Stand zu halten vermochte.

Fortsetzung folgt !


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Die Fürsten schrieben ihre Reichsversammlung nach Tribur aus So erzählt denn auch die Klostergeschichte, wie der Erbauer dei neuen Starkenburg, ;Abt Ulrich zu Lorsch, sich 1066 auf der Reichstag zu Tribur begab, um an der Hochzeit des Königs Heinrich mit der italienischen Prinzessin Bertha teilzunehmen. Er traf mit seinen vornehmsten 12 Burgmännern und 1200 bewaffneten Reitern dort ein. Das Fest wurde mit großem Gelage begonnen und Ulrich wurde manche Huldigung durch den König zuteil.

Nachdem das Reichskloster zu Lorsch seine Selbständigkeit aufgab, wird das Erzstift zu Geroldsheim aus Urkunden bekannt. Es stand innerhalb der Rohrheimer Gemarkungsecken, wie das heute noch gleichmäßig voneinanderliegende Flurnamen nachweisen. Um das Geroldshause lagen die einzelnen Benefizien und Kirchenpfründe.

So war der Altar Sankt Annae, vermutlich in Ober-Rohrheim;

Sankt Crucis in der Kaplanei, (Wüstung in der

Gemarkung Groß-Rohrheim);

Sankt Gertrudis in Ober-Rohrheim;

Sankt Augustinus im Schloß Jägersburg(Wüstung

in der Gemarkung Groß-Rohrheim);

Sankt Eulogii in der Stadt Gernsheim.

Mit dem Geroldshaus war das Benefizium S. Augustinus im Schloß Jägersburg durch den „Gernsheimer Weg“ verbunden. Diese Wegbezeichnung dürfte sich im 1. Jahrtausend auf die heutige Wüstung Geroldsheim bezogen haben. So führte der„Gernsheimer Weg“ von Jägersburg über die Wüstungen Lindau, Lindbrunnen, Lindenbrücke auf die steinerne Straße nahe bei dem steinernen Kreuz.

Fortsetzung folgt !


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In Jägersburg selbst ist die Gemeinde „zu Gernsheim“ nachzuweisen. In Flurnamen läßt sich nahe bei Jägersburg der „Kirchenpfad“ und die „Totenruhe“ feststellen. In späteren Jahrhunderten unterstanden alle Rohrheimer Gassen und Höfe dem Amte in Jägersburg.

So möchte ich die ruhmreiche Vergangenheit von Geroldsheim, nahe beim „Entenweg“, und der dazugehörigen Wüstungen in der Gemarkung Groß-Rohrheim, das Schloß Jägersburg, die Kaplanei, die Höfe Lindau mit der Horte, die Keller Aue, Steinfurt, der Hadder Hof, das Herrenfeld, die Schenkisch Ruh, der Asthof, der Kappelhof, die Kirchbeunde mit den Gassen zu Ober- und Nieder-Rohrheim mit einer urkundl. Erzählung des Klosters zu Lorsch beenden. Es war zur Zeit des Abtes Anseln, als die Klosterkirche brannte. Vielleicht mochte es das gleiche Gotteshaus gewesen sein, in dem im Jahre 984 mit seiner kostbaren Turmspitze der Kaiser Otto III. die Krone erhielt. Unter Abt Diemo im 40. Jahre nach dem großen Brande (1130) wurde die Klosterkirche zu Lorsch durch fünf Bischöfe, Erzbischof Adalbert von Mainz, Hugo von, Worms, Bruno von Straßburg, Ulrich von Konstanz und Konrad, von Chur, feierlich wieder eingeweiht. Aber fast hundert Jahre danach, es war im Jahre 1229, wurde die Abtei zu Geroldsheim dem Erzstift zu Mainz übergeben.

Die folgende Erzählung ist urschriftl. aus der Kirchengeschichte des Klosters zu Lorsch auf Seite 69 von Stadtpfarrer Konrad Dahl entnommen: „Aber - dagegen mußte auch Abt Anseln das Unglück erleben, daß am 21. März 1090 die prächtige Klosterkirche mit allen darin befindlichen Kostbarkeiten samt dem größten Teil der Klostergebäude ein Raub der Flammen wurde.

Fortsetzung folgt !


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Am selbigen Tag (es war der Festtag des heiligen Benedikts) wurden den von den Soldaten und dem Volke zu Lorsch Spiele im Klosterhofe gehalten, die bis zur einbrechenden Nacht dauerten. Zuletzt, als es fast dunkel geworden, warfen die Soldaten Feuerkugeln in die Luft, die am äußersten Ende angezündet und dann schnell in die Höhe geschleudert wurden, wo sie durch ihre großen Schwingungen, die ringsumher ein glänzendes Feuer verbreiteten, dem Auge ein schönes Schauspiel darstellten. Zum Unglück fiel eine von diesen Kugeln auf die Kuppel der Kirche, wo sie zwischen den Ziegeln und wurmstichigen Schindeln hängen blieb und mit Hilfe des Windes ein schnelles Feuer verbreitete. Letzteres fing gerade an dem Orte an, wo die Glockenseile hingen, welches es zuerst verzehrte und dadurch das Zeichengeben und Feuerlärmen verhinderte. Als die schon allenthalben um sich fassende Flamme das Unglück von selbst verkündete, war schon alle Rettung und Löschung unmöglich. Denn das Hauptdach der Kirche war von Blei gedeckt, und dies durch das Feuer geschmolzene und häufig herabtriefende Metall, drohte jedem, der sich dem Brande näherte, Tod und Verderben. Ein allgemeines Jammergeschrei erfüllte die Luft, als man solch herrliches Gebäude mit allem darin durch mehrere Jahrhunderte zusammengesparter Reichtümer und Kostbarkeiten, fast in einem Augenblick und ohne alle Rettung verloren sah. Das schlimmste aber, was man fürchtete, war dieses, daß auch der Leichnam des heiligen Nazarius ein Raub der alles verzehrenden Flamme geworden sei. Allein zur größten Freude aller frommen Christen fand sich beim Aufgraben der Ruinen, der bleierne Sarg und in demselben der Leichnam dieses Heiligen noch ganz unversehrt. Eine erstaunende Menge Volkes aus allen Gegenden kam auf die erste Nachricht von dieser frohen Begebenheit zu Lorsch zusammen. Alle wollten den Leichnam des heiligen Nazarius sehen, alle von der Wirklichkeit dieses Wunders, (wofür sie dessen Erhaltung hielten) sich durch Augenschein überzeugen.

Fortsetzung folgt !


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Der Bischof Ebbo von Worms, der bei der Erhebung des heiligen Nazarius gegenwärtig war, sah sich gezwungen, den heiligen Leichnam auf einen erhabenen Ort bringen zu lassen, wo er den Kopf desselben dem ganzen Volk öffentlich vorzeigte, und dabei mit lauter Stimme ausrief: „Sehet hier den Leichnam, sehet das Haupt eures Herrn, eures Patronen, des vor Gott ehrwürdigen und vielgeliebten heiligen Nazarius, an dessen Gegenwart ihr zweifeltet, an dessen mächtiger Fürsprache ihr verzweifeln wolltet!“

Ein allgemeines Jubel- und Freudengeschrei erfüllte die Luft. Ein herzliches lautes Dankgebet wurde zum Himmel geschickt, und als vorher viele Menschen durch das erschreckliche Gedränge und die große Hitze des Tages (es war der 5. Junius) so abgeschwächt wurden, daß sie auf dem Platze ihren Geist aufgaben, so entstand gleich bei Erhebung des heiligen Leichnams auf einmal ein so angenehmer und kühler Wind, daß sich alle Anwesenden mächtig erquickt und gestärkt fühlten. Man hielt solches für ein durch den heiligen Nazarius gewirktes Wunder.

Alles dieses machte in den Herzen der Anwesenden Gläubigen einen solchen Eindruck, daß alle sich beeiferten, dem heiligen Nazarius reichliche Opfer darzubringen. Es war ein ordentliches Wettrennen unter denen, die zum Sarge des Heiligen hinliefen, um dort Geld, Gold und silbernes Geschmeide, Edelsteine ect. als Opfer niederzulegen. Auch von auswärts kamen von allen Seiten so reichl. Beiträge zusammen, daß die Kirche gar bald (freilich nicht so prächtig wie vorher) wieder erbaut werden konnte.

Fortsetzung folgt !


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Die Königspfalz Rohrheim

Bereits zur Zeit der römischen Besatzung (etwa 80 bis 650 n. Chr diente ein großer Teil unserer heutigen Gemarkung Groß- und Klein-Rohrheim als beachtliches Erdwerk vor dem seichten Rheinufergelände der Hammerau. Es war die Natur, die diesen bevorzugten Geländepunkt als Einleitstelle über die „Steinbrücken“ auf die Rheininsel „Sandwörth“ oder nach der Veste „Zullustein" er stehen ließ. In den Bereich dieser alten römischen Kastellanlage in Rohrheim zu Gernsheim gehören auch die Bodenfunde de angrenzenden Nachbargemeinden. Dank einer regen Aufmerksamkeit der Kiesbaggerleute beim „Buhnenfeld gegenüber der Platte“ vor etwa 12 Jahren, war es möglich,. Kriegsgerät der römisch-burgundischen Zeit aus dem Rheinbett sicherzustellen, die den alten Furtweg beweisen.

Um das Jahr 200 n. Chr. rückten die Römer Gegner auf ihre Verteidigungslinien: die hinter dem Limes wohnenden Germanenstämme hatten sich zum Völkerbunde der Alemannen zusammen gefunden. Kurz nach der Mitte des 3. Jahrhunderts mußten die Römer ihre Besitzungen diesseits des Rheines aufgeben und sich über dem Fluß festlegen. Durch nochmalige Vorstöße konnte man das Verlorene nicht mehr zurückerobern.

Wenn sich auch aus der nun folgenden Zeit spärliches Nachrichtenmaterial erhalten hat, können doch ziemlich gute Vermutungen über die Weiterentwicklung unserer Heimat angestellt werden. So kann man, wie bei den meisten anderen römischen Kastellen auch in Rohrheim eine Übernahme der ehemaligen Wohnstätten auf die nachrückenden germanischen Besitzer feststellen. Ein gute Beispiel gibt hierzu ein Würfelkastell römischer Herkunft auf den „Haaräcker", das im Mittelalter noch als Maierhof Verwendung fand und sich der „Hadderhof“ nannte. Und auch ein römische Schriftsteller berichtete, (Ammianus Marcellinus XVIII, 2,7: Über Julians Zug ins Mainland, 357)

Fortsetzung folgt !


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daß in der Mitte des 4. Jahrhunderts, z. Zt. eines wiederholt römischen Vorstoßes, die Germanen am unteren Main in „sorgfältig nach römischer Art errichteten Häusern“ gewohnt hätten, was in der Übernahme römischer Bauten seine Erklärung findet.

So mochte sich auch im alten Rara, wie uns Rohrheim der Geschichtsschreiber Bischof Thitmar von Merseburg (geb. am 25. 7. 975 gest. am 1. 12. 1018) überlieferte, als er von dem Reichstag im Jahre 984 sprach, bereits in der alemannischen Zeit ein Fürst niedergelassen haben. Die bevorzugte Lage an der Rheinfurt, die strahlenförmig zusammenlaufenden Heerwege, das Vorhandensein der besseren „steinernen Häuser“ spielten bei der Wahl des Herrenhofes eine bedeutende Rolle. Alemannische Gemarkungsbezeichnungen treten im Vergleich zu den Sprachlauten niederdeutscher Herkunft zurück. Doch hat sich neben dem „Herrenfeld“ und „am Bau“ der alemannische Begriff „auf der Wetze“ neben dem „Altloch“ erhalten. Prähistorische Funde konnten bei der hier genannten Wüstung ebenso geborgen werden.

Nach dem Zerfall der römischen Herrschaft in den deutschen Gauen begann die Zeit der politischen Führungsauslese unter den germanischen Völkern. Neben der lateinischen Ortsbenennung Rara finden wir in frühgeschichtlichen Oberlieferungen die niederdeutsche Bezeichnung Rora, in der fränkischen Dynastie Raurheim oder Rorheim. So deuten schon die Namen auf eine selten kostbare königl. Domäne, die aber auch aus Urkunden verschiedener Jahrhunderte ihre Bestätigung findet. Und nicht zuletzt ist es die Sage von Siegfried und den Nibelungen, die uns tiefe Einblicke in die Rohrheimer Gemarkungsverhältnisse des 5. Jh. n. Chr. nehmen läßt. Lag doch die ehemalige römische. Kastellbefestung gerade für die burgundischen Nachbesitzer im Vorgelände der Rheinfurt und nicht weit vor den Toren ihrer Hauptstadt Worms wie geschaffen, um das bedrohte niedrige Flußbett auf der östlichen Seite der Tiefebene vor feindlichen Angriffen abzuschirmen.

Fortsetzung folgt !


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Die Veste Rora war mit mehreren Flieh- und Wallburganlagen ausgerüstet; die zusammen ein gewaltiges Verteidigungswerk ausmachten. Ringwälle, deren Mauern durch dazwischen gelegte Balken Halt verliehen wurde, zogen sich am ganzen Sellegraben entlang. Auch Namen: wie Burggraben, Hinkelgraben, Wallgraben, Steinmauer, Alteburg und Römerbuckel sind diesen alten Befestigungsanlagen eigen. Sie waren wohl die Zufluchtsstätten ihrer Bewohner wenn es galt den an Kopfzahl überlegenen Feind aus dem sicheren Hinterhalt abzuwehren. Ihre Gräberfelder liegen im ehemaligen Wingertsfeld in Groß-Rohrheim und auf dem Bruchacker in Klein-.Rohrheim. In Flurnamen hat sich die „Totentruhe“ bei dem heutigen Forstamt Jägersburg erhalten. Die besterkannte Fliehburg, ist jedoch der alte Ortsteil unserer Gemeinde Groß-Rohrheim selbst. Man kann sie mit ihrem „vorderen- und hinteren Burggraben“, dem Grundriß des hiesigen Rathausbaues sowie der heutigen Pfarrkirche, der „großen- und kleinen Eim“ mit dem Verladeplatz der „Anlade“, dem erstbebauten Ortsteil „Bein“ Beunde), den Hauptstraßen am Kreuzungspunkt der „Kehr“ mit der alten Burg auf Bornholm vergleichen. Diese Nordseeinsel war die Erstheimat der Burgunder. Eine Urkunde aus dem Jahre 1284 (siehe- Dahl, Fürstentum Lorsch) gibt uns den Namen dieser ehemaligen Groß-Rohrheimer Fliehburg als „Gudenberg“ bekannter Neben der„alten Burg zu Gernsheim“ in Jägersburg mochte die „Luitsburg" bei der Flur „an der Lück“ gestanden haben. Ganz in ihrer Nähe befindet sich die Wüstung Anganrod im Feldteil „Hahnrot“.

Fortsetzung folgt !


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Das Örtlein Aganrod wird sehr früh genannt (795) und seinen Namensursprung auf einen männlichen Personennamen, den Agan oder Hagen gedeutet. (Vgl. Wagner, die Wüstungen in Starkenburg).

In den schriftlichen Überlieferungen der Fürstenabtei zu Lorsch sind 16 Gottgeweihte genannt, die dem heiligen Stande dienten. Unter ihnen befand sich im Jahre 783 die reichbegüterte Icha von Rohrheim, und im Jahre 801 die Liutburg (Vgl. Falk, Geschichte des ehemaligen Klosters Lorsch). Zwar ist es den Grundbesitzern noch nicht gelungen, auf ihrem dortigen Felde entsprechende Bodenbeweise zu liefern, doch demonstrieren viele Gemarkungsnamen, ähnlich wie bei der Rohrheimer Wüstung „Kaplanei“, in mehreren Parzellenbezeichnungen, so: „neben der Lück“, „bei der Lück“„,an der Lück“, „Kirchenpfad“, „Totenmann“, „in den Lautern“, „im Spieß“, ,,Totenruhe“, „Lindenfeldchen“, der ehemals von der Gudenburg in Groß-Rohrheim einführende „Heerweg“ mit der vorbeiziehenden „altsteinernen Straße“ und „Wormser Straße“, den frühgeschichtlich sehr bedeutungsvollen Liutbau.

Es klärt nicht allein der Codex Laureshamensi z. Zt. der Karolinger Liudolfinger über Besitzverhältnisse des ehemaligen Königshofes zu Gernsheim auf, sondern auch das Nibelungenlied selbst erzählt in vielen Strophen Geschichtsereignisse der hiesigen fürstlichen Domänienbesitzung. Der Forschung ist es bereits seit Jahrzehnten, gelungen, einen Geistlichen aus dem Kloster zu Lorsch zu erkennen,: der um das Jahr 1150 die Sage niederschrieb.

Fortsetzung folgt !


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Manches Streitgespräch wurde um jenen Lindbrunnen geführt, wo der Waffenmeister oder Gerold am Hofe der Burgundenkönige als pflichtgetreuer Vasall, bei der Lindaue, den verbündeten Prinzen Siegfried meuchlings tötete. Im fränkischen Sagenkreis hat sich diese „böse Dain“, wie sich das Heldenlied in die Groß-Rohrheimer Gemarkung einschrieb, besonders entwickelt. Es war kein geringerer, als der Tübinger Dichter und Schrifttumsforscher Ludwig Uhland, der um die Mitte des 19. Jh. von ihm sagte: Wie ein leichtes Spiel, wie ein Märchen der Liebe; das ein Troubadour zarten Frauen vorsingt, hebt diese Erzählung an:

                      Es wuchs in Burgunden ein schönes Mägdelein,

                      daß in allen Landen kein schöneres mochte sein

                      Krimhild war sie geheißen, das wunderschöne Weib.

Aber bereits jetzt schon kommt der düstere Hinweis:

                      „Drum mußten der Degen viele verlieren den Leib!“

Treffender konnte man diese, uns aus dem Mittelalter überlieferte Dichtung nicht bewerten, wenn zum Gegensatz eine Rohrheimer Gemarkungsflur nicht noch andere Spuren als den höfischen Minnegesang nachzuweisen imstande wäre. Es waren neben den gelehrten im fürstlichen Diensten stehenden Menestrels, ebenso fahrende Jongleure, die meist auf Messen, Jahrmärkten und allgemeinen Festlichkeiten von ihrem Bänkel herab entsprechende Schauergeschichten vortrugen. Man kann den Moritatenstil in manchen Liedversen deutlich erkennen. Und auch die hier beschriebene Ackerflur rechtfertigt die Auffassung daß „die böse Dain“ als Feldbezeichnung durch gewerbsmäßige Bänkelsänger verewigt wurde.

Fortsetzung folgt !


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Lag doch die hier benannte Parzelle zwischen der Hoheitsgrenze des Palatiums, dem „Sellegraben“ oder Pfahlgraben und der„Plais“-, einem innerhalb der Rohrheimer Gemarkungsecken zentral gelegenen Platze, auf dem noch in der fränkischen Zeit, Karl der Große seine Gerichtstage abzuhalten pflegte. (Vgl. Dahl, Gernsheimer Amtsbeschreibung.)

An historischer Stätte und nahe an der Ermordungsstelle des Nibelungen, „beim bösen Brückel“, desgl. zwischen dem „Neubrunnen“ und dem „Lindbrunnen“, dem „Herweg“ und „Gernsheimer Weg“ an der hier stark belaufenen „alten Steinstraße“, mußte für den fahrenden Sänger das Gewerbe besonders lohnend gewesen sein.

Auf kurzer Wegstrecke über das „steinerne Kreuz“ erreichte man ebenso leicht den Wallfahrts- und Gnadenort St. Crucis in de heutigen Wüstung „Kaplanei".

Denken wir uns dagegen zurückversetzt in das Jahr 1204, in welchem am 18: Mai Papst Innocenz III.: (1198 - 1216) dem Kloster Schönau seine Besitzungen, namentlich in Viernheim und Rohrheim bestätigte, dann erlebte man Blütezeit und Höhepunkt der Troubadourdichtung. Jeder größere Fürstenhof besaß damals seine besondere Pflegestätte und auch der ehemalige Königshof zu Gernsheim mochte eine entsprechende Stelle „in den Lautem“ nachgewiesen haben, wo der Künstler unterstützt von Fiedel und Harfe dem hohen Stabe bei fröhlichem Trunk sein musikalisches Können vortragen konnte. Besonders die Laute war im 15. bis 17. Jh. ähnlich beliebt wie in der späteren Zeit das Klavier.

Fortsetzung folgt !


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„Beim Lautern Pfad“ über den „Mittelgraben“ grenzte die „Hofstadt“ zu Gernsheim neben der „Gasse“, die heutige Wüstung Lindau an. In ihrem Terrain stand zwischen der Straßengabelung des„Gernsheimer-„ u. „Langwader Wegs“ und der„Lindenbrücke“ unmittelbar am nördlichen Straßenrand des „Gernsheimer Wegs“, der „Lindbrunnen“. Er hatte die übliche Form einer Brunnenanlage: ein runder, gemauerter Schacht, der bis zu den wasserführenden Schichten hinabführte. Gehoben wurde das Wasser mit einem hölzernen Schöpfeimer, der an einer Ziehstange befestigt, durch einen Hebebalken betätigt wurde. So wird er von den ältesten Ortsbürgern der Gemeinde Groß-Rohrheim beschrieben. Erst vor etwa 60 Jahren wurde der berühmte Brunnen eingeebnet, während man die Lindenbrücke vor einigen Monaten abbrach.

Aus Urkunden wurde die Wüstung Lindau Ende des 14. Jh. bekannt. Sie gehörte zum Bickenbachischen Amt Tannenberg (Wenk 1,307). Den Zehnten erhielt am Ende des 14. Jh. der Burggraf Hans Schenk zu Erbach. Es war eine wiederkehrende Abgabe der an einem Grundstück gewonnenen Früchte (10%). Der Burgkäse spielte zu Starkenburg eine besondere Rolle. So waren z. B. um das Jahr 1400 die Malterkäse zu Lindau und Rohrheim fällig im Zeitpunkt, wenn die Schöffen ankamen, aber anders nicht.

Im Jahre 1405 belehnte Erzbischof Johann von Mainz den Eberhard Schenk von Erbach mit dem Zehnten zu Gernsheim, Lindau und der Hortte.

Fortsetzung folgt !


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Die „Hortenäcker“ liegen vor dem Schloßhügel in Jägersburg. Noch im 17. Jahrhundert läßt sich auf dem genannten Felde eine Hofreite nachweisen. Desgleichen auf dem gegenüberliegenden „Lindenfeldchen“. Ebenso 1504 Schenk Eberhard von Erbach, 1740 belehnt der Kurfürst Phil. Karl von der Pfalz die Grafen vor Erbach mit dem Zehnten zu Gernsheim und Lindau mit der Hardt. Über die „große-„ und „kleine Hardt“ führte vom Bibliser Weg, der Sandweg auf die Wormser Straße. Daneben gab es noch eine „kurze Hardt“. Im Jahre 1428 [1460 Baur 191] bekannte Gr. Philipp von Katzenelnbogen, daß ihm der Erzbischof Dieter von Mainz erlaubte in den Häuser und Bibliser Wäldern, der Rohrheimer Hardt, aber nicht im Gernsheimer Wald zu jagen. Ein Hochgericht wurde an der hier genannten Hardt im Jahre 1584 aufgerichtet.

Kehren wir von der Gemarkungsecke über die „Wormser Straße zurück auf den Schloßhügel beim Forstamt Jägersburg, so befinden wir uns an der frühgeschichtlich sehr bedeutungsvollen Wüstung Villa Regia, die besonders aus Schriftstücken des Klosters zu Lorsch oftmals bekannt wurde. Eine Frankfurter Urkunde vom 2. Dez. 882, des frommen Kaiser Karl II., bestätigte den Königsbesitz zu Gernsheim ebenso. Der Reichsurbar zu Lorsch kann für dieses Herrenhaus die dazugehörigen Hofgüter feststellen: 93 Morgen Feld in Langwaden, 40 Morgen in Rohrheim und 41 Morgen in Wasserbiblos. Die Spuren dieser Königspfalz lassen sich durch Flurnamenbezeichnungen bis in die Zeit der römischen Kaiser (v. Chr. Geb. bis 400 n. Chr.) verfolgen. Nach ihrem Zerfall, etwa um die Mitte des 11. Jh., baute Abt Ulrich aus dem Kloster zu Lorsch über der Stadt Heppenheim a.d.B., die Starkenburg. In Jägersburg blieb die Alteburg auch weiter bestehen und sie tritt im Laufe der nun folgenden Jahrhunderte wiederholt in die hessische Geschichte ein. Eine schematische Darstellung aus dem Jahre 1579 beschriftet sie und den dazugehörigen Marktflecken mit dem Namen R o r h e i m.

Fortsetzung folgt !


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Neben dem Königshof gab es in Rohrheim auch eine fürstliche Abteikirche, welche sich unmittelbar über dem „Sellegraben" der Villa Regia anschloß. Ein kleines Bildchen aus dem zuletzt genannten Jahrhundert, läßt bei einer triumphbogen ähnlichen, steinernen Tür (Flurname: Steindörr), zwei kirchl. Gebäude erkennen, von welcher die im Vordergrund stehende Saalkirche auf der Turmspitze ein päpstliches Kreuz trägt. Auch das alte Rohrheimer Wappenbild zeigte den Repräsentanten dieser Fürstenabtei als einen Geistlichen im Ordenskleid der Benediktiner mit dem Hirtenstab, den schon seit Bonifatius im 8. Jh., der Bischof als Zeichen seiner Regierungsgewalt bei feierl. Handlungen trägt. Der „Heilige Weg“, wie ihn das Gültbuch des Amtes Tannenberg aus dem 14. Jh ausweist, ist mit der Verwüstung der Klosterabtei in der Gemarkung verloren gegangen.

Nach einer ausholenden Betrachtung am Tatort der Ermordungsstelle des Nibelungen berichtet die Sage selbst noch weiter: Als Siegfried den Nibelungenhort erwarb und in den Besitz dieser Rarität gelangte, die von dem bärtigen, alten Alberich für seine Könige Schilbung und Nibelung gehütet wurde, verlor der Zwerg auch seine kostbare Tarnkappe. Der neu erworbene Besitz ging auf den jungen Siegfried über, bis nach dem Tode Starken, Burg, wie auch der Name Nibelungen von den Burgundenkönigen übernommen wurde.

Einen  Urkundenbeweis für den historischen Lindbrunnen vor der Lindau, kann für den Groß-Rohrheimer „Siegfriedbrunnen" durch eine illustrierte Handschriftenüberlieferung belegt werden.

Fortsetzung folgt !


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Diese bildliche Darstellung zeigt den trinkenden Siegfried mit dem am Brunnen exkutierenden Waffenmeister der Burgunder, während der König mit seinem Gefolge, die „Lindenbrücke“ gerade verlassend, aus der Richtung der „Plaiß“ kommend, die Vollstreckung des geheimgehaltenen Todesurteils mitansieht. Die Brunnenanlage, der auf dem Bilde aufgezeichnete Graben und Weg, lassen sich auf die Groß-Rohrheimer Flurverhältnisse „Am Lindenbrunnen“ geografisch richtig übertragen.

Dem Tode verfallen, hören wir im Lied den sterbenden Siegfried den Untergang des Wormser Burgundenreiches voraussagen. Mit  großer Anteilnahme empfand das Volk die schreckliche Nachricht seines liebgewonnenen Helden. Nach seinem Tode wurde die Ermordungsstelle so stark von allen Bevölkerungsteilen besucht, wie man ähnliche Versammlungen in späteren Jahrhunderten an Wallfahrtstagen erleben konnte.

Kriemhild, die Gemahlin des Recken, hatte lange Jahre um den von ihrem Oheim erschlagenen Mann getrauert, bis sie ich entschloß, seine Grabstätte aus Worms in das Münster zu Lorsch verlegen zu lassen, wo der starke Held in einem langen Sarge ruhte.

Um die Hand der Fürstentochter warb nun der Markgraf Rüdiger von Bechelaren für den Hunnenkönig Etzel. Als dessen Gemahlin lud sie ihre Brüder zu einem Fest nach Ungarn ein. Dort kam es zu einem fürchterlichen Saalkampf, in dem auf beiden Seiten alle Helden fielen, bis auf König Gunther und Hagen, die durch Dietrich von Bern, der als Verbannter bei Etzel lebte, gefangengenommen wurden.

Fortsetzung folgt !


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Noch einmal forderte Kriemhilde das Erbe ihres ersten Mannes die Herausgabe des raren Nibelungenhortes. Als ihr dies verweigert wurde. , läßt sie. Ihren Bruder Gunther .töten, dann schlägt sie seinem Gerold, Hagen, das Haupt ab. Voll Zorn durchbohrte der alte Hildebrand, Dietrichs Waffenmeister, das in seiner Rache grenzenlos wütende Weib.

 

Am Burgundenhofe zu Worms trauerte die Königsmutter Ute um das verhängnisvolle Schicksal ihrer nahen Verwandtschaft. Schon nach dem Tode Dankrats, des Bruders Hagens stiftete sie eine reiche Fürstenabtei zu Lorsch, mit vielem urbaren Land, wozu in Lebzeiten auch ihre Tochter Kriemhilde zum Seelenheile Siegfrieds und aller Seelen viel Gold und Silber beisteuerte. Nach dieser Furchtbaren Familientragödie blieb Ute ganz in der von ihr gegründeten Abtei und brachte ihr Leben in Weinen und mit geistlichen Übungen zu, bis der Kummer sie tötete, wie uns die Strophe 1990 von Schönhut belehrt:

 

- - - die edel Vote ward begraben

ze Lorse bi ir aptei; ir brach daz leit ir herze entzwei

Fortsetzung folgt !


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,Aus der hier vorangestellten deutschen Volkssage ist zu erkennen, daß das Nibelungenlied einen gewaltigen Machtkampf der Hunnen unter ihrem König Etzel und dem Burgundenreich erzählt, der anfangs des 5. Jh. ausbrach. In Rohrheim ließ die Sage den jungen Frankenherrscher Siegfried als Opfer der Heimtücke fallen und auf dem höchsten Gipfel des Taunus, dem Feldberge, glaubt man den Ort deuten zu müssen, wo die wabernde Lohe Brunhild, die Walküre, umgab, wie es die alt-isländ Fassung der Edda schildert. Man nannte den Fels auf dem Gipfel das Bett der Brunhilde, lectulus Brunhildae, heute Brunhildenfels; bereits um das Jahr 1000 ist dieser Name urkundlich belegt. So läßt aber auch das Nibelungenlied, ähnlich wie andere mündl. Überlieferungen, in Bezug auf unsere Heimatentwicklung Wahrheiten aussprechen. Der seit etwa 413 geschichtlich bekannte König Gundahar im Gebiet von Worms, wurde 436 von den hunnischen Söldnern des Aetius besiegt und im Jahre 436 getötet. Die Reste seines Volkes gründeten im heutigen südöstl. Frankreich an der Rhone einen neuen Staat [Zentrum:Autun], der 534 dem Frankenreich einverleibt wurde.

Ein ähnliches Schicksal erlitten die Alemannen unter de Frankenkönig Clodwig I. (502). Auch unsere Gegend wurde dabei fränkische Erde. Die Dörfer mit den Endsilben: - heim, - bach und - dorf werden auf fränkischen Ursprung zurückgeführt. Das Land war in Gaue gegliedert. Die über das Land verteilten Hübner bildeten Markgenossenschaften, denen die gemeinsame Nutzung und Bewirtschaftung zustand. Jeder Märker durfte Wald, Wiese und Wasser gebrauchen: Weide, Holz, Fischfang und Jagd standen ihm zur- Deckung seiner Lebensbedürfnisse frei. Während der eigentl. Feldmark des Dorfes später unter die einzelnen Markgenossen in Privateigentum aufgeteilt wurde, blieb die Allmende, die Wald, Weide, Wasser und Ödland umfaßte, bis in die Neuzeit hinein im Gemeineigentum der Markgenossen.

Fortsetzung folgt !


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An das Gemeinschaftsland erinnern in Groß-Rohrheim die Flurnamen: Almen, Weide und der neueste Ortsteil Almutspforde.

Der Frankenkönig selbst nahm auch für sich zu eigner Bewirtschaftung und Ertragsnutzung Land in Anspruch. Es wurde „Fiscus“ genannt. Urkundlich wird der kaiserliche Fiskalhof zu Gernsheim aus einer Frankfurter Übersetzung vom 2. Dezember 882 des Kaiser Karls III. bekannt. Die Könige hatte in jener Zeit noch keine ständige Residenz, sondern sie zogen durch ihre Länder und lebten mit ihrem Hofgesinde die Erträge ihrer Domänen auf. Dazu gab es bestimmte Haupthöfe, in denen die jährlichen Erzeugnisse des umliegenden Landbesitzes gesammelt wurden. Obgleich uns erst schriftliche Überlieferungen durch das alte Weistum über den Lorscher Wildbann aus dem Jahre 1423 bekannt wurde, darf doch als wahrscheinlich angenommen werden, daß schon in der Merowingerzeit an der hiesigen Rheinfurt ein größeres Kammergut bestanden hat.

Fortsetzung folgt !


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Die Merowinger waren das Geschlecht der ältesten fränkischen Könige. Aus ihrem Hause und der Karolinger ging das deutsche Königtum des Mittelalters hervor. Der erste geschichtlich nachweisbare Vertreter ist der Frankenkönig Chlodio um das Jahr 430. Der Name Merowinger wird auf einen König Merowech abgeleitet. Mit Clodwig I. erhoben sie das fränkische Reich zur führenden Macht im Abendland; sie verdrängten die Römer und Westgoten aus Gallien und unterwarfen Thüringen, Burgund, Alemannien und Bayern. Clodwigs Vater war Childerich II., etwa von 457 König der salischen Franken in Tournay. Sein Grab wurde 1655 in Dornik (Tournay) entdeckt, welches einen der berühmtesten Grabfunde aus dem Bereich der merowingisch-fränkischen Kultur bildet. Die wertvollen Grabbeigaben befinden sich in Paris. Clodwig I. war 466 geboren und vermählte sich 493 mit der burgundischen Königstochter Chlothilde. Aus ihrer Ehe ging der Frankenkönig Chlothar I. hervor, der nach dem Tode seiner Brüder und Neffen 558-561 im ganzen Frankenreich, zu dem auch Thüringen, Burgund, die Provence (Landschaft zwischen Rhonetal und Italien) und die Reste des Alemannenreiches gehörten. Ein Sohn Chlothars I. war der in Neustrien oder Westfranzien mit den Hauptstädten Soissons, Paris, Orleans und Tours herrschende König Chilperich I. Durch die Ermordung seiner Gemahlin Galswintha gab er Anlaß zum Rachekrieg zwischen seiner Nebenfrau Fredegunde und der Königin Brunhilde, die Tochter des westgotischen Königs Athanagild und Gemahlin des Königs Sigibert von Austrasien (Austrasien war z.Zt. der Merowinger der östl. Teil des fränkischen . Reiches mit den Hauptstädten Reims und Metz).

 

[hier endet die Sammlung der Ausschnitte.]


Nachwort

oder

Vorwort

 

 

So kam es, dass ich mir diese Arbeit machte:

 

In den 50 - er Jahren war Frau Lutzi in die USA gewechselt. Vor einiger Zeit kehrte sie zurück nach Mannheim. Wissen wollte sie etwas über ihren Geburtsort.

 

Frau Baloui erinnerte sich, dass Richard Stay  († 1980), Heimatforscher aus Gross-Rohrheim,  vor langer Zeit eine Broschüre herausgegeben habe, in der über die Geschichte des Ortes geschrieben war, jedoch konnte sie in der damaligen Zeit die Ausgabe nicht erstehen.

 

Soweit mir bekannt, hat Richard Stay im damaligen Veröffentlichungsorgan der Gemeinde, offiziell dem Gross - Rohrheimer Blatt, eine lockere Folge von geschichtlichen Beiträgen zur Gross - Rohrheimer Geschichte veröffentlicht.

 

Es ist der Verdienst von Frau Baloui, dass ich daraufhin aus dem Nachlass von Richard Stay erneut die zwei Oktavheftchen zur Hand nahm, in die Onkel Richard seine Artikel, die er in der  Zeitschrift veröffentlicht hatte, ausgeschnitten und mit Kleber  auf die Seiten geklebt hat. Dies war vor genau 50 Jahren, 1953 – 1954.

 

Wir können jetzt Diskurse beginnen, inwieweit die Inhalte der damaligen Veröffentlichungen Gegenstand heutiger Kritik sein können.

 

Sie können !

 

Inzwischen hat sich etliches ergeben, in dem sich die Fachwelt einig ist. So zum Beispiel, dass der Reichstag zu Rara (983) bei Trebur stattgefunden hat.  Georg Schenk zu Schweinsberg (GSzS) hat geirrt. Die damals imposante Erscheinung von Gross-Rohrheim ist heute dahin, so dass der Irrtum jetzt leichter zu ertragen ist.

 

Oder: Man betrachtet heute alte Schriften und Urkunden nicht mehr als akribisch genaues Abbild der damaligen Zeit, sondern lässt der Erkenntnis Raum, dass in den Darstellungen viel „Propaganda“ und auch „Wunschdenken“ einfliesst. Insbesondere werden  abgeschriebene Dokumente regelmässig „verbessert“. Oder vermeintlich fehlende Dokumente werden, damit der Lauf der Geschichte „Sinn“ macht, dazuerfunden.

 

Schauen Sie sich einmal die Urkunde Nr. 1 im Lorscher Kodex in Ruhe an. Und vergleichen Sie dann mit den nachfolgenden wichtigen kaiserlichen Privilegien. Und in Urkunde drei den Spruch von Karl dem Grossen wegen Anfechtung der Schenkung. 

Von 772 bis ca. 1175, also vierhundert Jahre lang sind die Original-Dokumente in unserem Klima vor Ratten-, Motten- und Feuerfraß, vor Ausbleichen durch Nachziehen der Schrift-Konturen geschützt worden und keine Feuchtigkeit, kein Schimmelpilz nährte sich daran?  Es wird unverhohlen erklärt:: Man solle die Original-Urkunden einsehen! Darum, ich bitte, man zeige mir auch nur eine einzige der Original-Urkunden. Oder wenigstens eine Zeile davon.

 

Heute wissen wir das und es lässt sich in endloser Folge an unglaublichen Beispielen belegen.

Für mich war dies ein grosser Schock, etwa vergleichbar mit der Erkenntnis vor ca. 400 Jahren, , dass die Erde nicht mehr Mittelpunkt der Welt ist.

 

Auch stellt  der Zugang zu Informationen seit Ende 1995, als das Internet für Alle zugänglich wurde, einen unglaublichen Wandel in der Handhabung von Informationen dar. Man findet neben Scharlatanen, Täuschern und Blendern auch immer mehr wirklich brauchbare Informationen. Glücklicherweise.

 

Ich möchte hier eindringlich warnen, alles einfach zu glauben. Die Zeiten sind endgültig vorbei. Niemand garantiert, dass die Darstellung im Internet irgendeinen Wahrheitswert repräsentiert. Das muss jeder schon selbst herausfinden.

 

Und so ist es auch in den Veröffentlichungen des Richard Stay. In teilweise überbordendem Enthusiasmus hat er vor Begeisterung zuweilen die Grenzen der Vorsicht übersehen.

 

Doch sollen wir die Messlatte höher legen, da wir doch täglich vorexerziert bekommen, dass die Mächtigen dieser Welt ihre Messlatten stets so legen, dass sie kein Problem damit haben?

 

 

Hier ganz wenige Literaturangaben:

 

Standardwerke:

Insbesondere Burkhardt oder L. Ranke sind bis heute mit Gewinn lesbar, ebenso wie Prof. Friedrich Schiller.

 

Handbuch der Dogmatik, Herausgegeben von Theodor Schneider

(Dies ist für alle, die orthodox orientiert sind.)

 

Abermals krähte der Hahn, von Karlheinz Deschner

(Dies ist für alle, die unorthodox orientiert sind.)

 

Starker Tobak:

Uwe Topper:  Fälschungen der Geschichte

Herbert Illig:  Zeitsprünge

 

Diese Kritik  darf man bitte nicht „glauben“, sie muss streng wissenschaftlich entkräftet werden und nur die Wissenschaft kann dies leisten. Man muss aber auch verlangen, wenn nach einem unwiderlegbaren Beweis ein Kritikpunkt erledigt ist, dass dieser nicht ständig wieder von neuem als Wahrheit vorgetragen wird, wie es heute weitverbreitet üblich ist.  Denn:

 

Dies ist streng unwissenschaftlich und führt geradewegs in die Verderbnis.

 

Ich meine:

Mal sehen, was in 50 Jahren von dem übrig bleibt, was wir heute als „allgemein gesichertes Wissen“ annehmen!

 

 

Sonntag, 9. Februar 2003 zu Gross-Rohrheim.

 

Georg Hausmann

 

 

PS: Besonderer Dank sei meinem Chef, Herrn Thomas Kirschner von der PVG Frankfurt, dass er eine EDV-Abteilung aufgelöst hat, so dass ich Zeit für ernsthafte Arbeit wie diese habe!

 

 

Die meisten der alten Schriften wurden ab Ende des 12. Jahrhunderts geschrieben. Allein die Tatsache, dass eine Zeitrechnung „nach Christi Geburt“ damals nicht für die Datierung zur Verfügung stand und die Verwendung der von  den „heidnischen Antichristen“ benutzten arabischen Ziffern mit einem Verbot bis weit ins 13. Jh. hinein belegt war, lässt die Aufgaben erahnen, die zurückliegende Generationen von Historikern und Bibliothekaren erfüllen mussten, damit wir heute eine gesicherte zeitliche Sortierung vorfinden, wodurch eine weitergehende Bearbeitung erst möglich wird. (Ein zusätzliches Problem ist die räumliche Dimension: Es finden sich immer wieder Urkunden, die wegen ähnlicher Ortsnamen, weil auch die Schreibweise nicht einheitlich war,  falsch einsortiert wurden. Das sorgt oft für Überraschungen.)

 

 

 

 

 


Inhalt

 

Neue Seitenzahl                     Thema                                     Original Seite

 

6           Weshalb man den Schultheiß von Rohrheim samt 4 Bauern          0

         ‚,einkellerte“

7       Der Schultheiß soll ,,Atzgeld“ für gestohlene Pferde geben!           1

7       Die ganze Gemeinde vor dem Reichskammergericht!                     1

8       „Schöffer zu Gernsheim“ ein Name Rohrheimer Herkunft?           2

8       Wurde aus Schöffer Schäfer? Das Geburtshaus kennt man nicht   2

9       Das Zentmaß wird eingeführt                                                        3

9       Die Dorfgräben als Fischwasser                                                     3

9       Ein Beispiel der Altersfürsorge                                                       3

10     Die Schäferei des Landgrafen                                                         4

10     Der Kramschatz auf der Gass                                                         4

10     Die Gemeinde plant den Bau einer neuen Kirche                           4

11     Vom Frondienst in der Gemeinde                                                  5

13     Ein Burgmann zu Starkenburg                                                       7

14     Von der Heimat Peter Schöffers                                                    8

17     Der erste Stein im uralten Weistum                                               11

20     Hofrat Fr. Kofler erzählt vom Gräberfeld beim Krönkedenkmal  14

23     Die Luitra                                                                                      17

24     Das Ruggericht am Sankt- Gertrudentag                                        18

25     Altes Weistum über den Lorscher Wildbann                                  19

30     Rohrheimer Wildhübner:                                                               24

31     Von den Prämonstratenser zu Nieder-Rohrheim                            25

33     Die Legende vom großen Hund                                                     27

34     Geroldsheim                                                                                   28

49     Die Königspfalz Rohrheim                                                             43

 

 

 

Errata

Neue Seitenzahl                     Thema

 

13     Berichtigung: Seite 5[neu:11] „Vom Frondienst in der Gemeinde“ Abs.2:

         Es ist richtig: Durch das Gesetz vom 2. März 1850 nicht 1950 vgl. 1850

30     Berichtigung:              Seite 18 [neu:24]  St. Gertrudentag am 17. März.

 

 

Anmerkung:

Die Bilder stehen alle am Anfang, die Seitenzahlen in Stay’s Text wurden belassen, in dieser Edition wurden eigene Seitenzahlen verwendet.

Gelegentlich wurden offensichtliche Satzfehler redaktionell „verbessert“, z.B. auf dem Kopf stehende Buchstaben: p statt d.

Die Rechtschreibprüfung der Textverarbeitung steht der Verbesserungstätigkeit  der Klosterschreiber in nichts nach.

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